Trusted Shops zertifiziert + 49 (0)30 - 31 80 81 51
 

Leben in Japan als Deutscher – Alltag nach der Auswanderung

Von Deutschland nach Japan auszuwandern ist für viele Menschen ein großer Traum. Die konkrete Umsetzung erweist sich jedoch oft als aufwendig und kostspielig. Entsprechend sind viele Deutsche in Japan zunächst aus beruflichen Gründen vor Ort – sie wurden entsandt oder folgen einer konkreten Jobperspektive. Wer den Schritt hingegen auf eigene Kosten wagt, muss sich besonders sorgfältig vorbereiten. Das gilt zwar für jeden internationalen Umzug, doch der Aufbau eines neuen Lebens in Japan bringt einige zusätzliche Herausforderungen mit sich.

Allen voran ist die Sprachbarriere zu nennen. Japanisch gehört nicht zu den leicht erlernbaren Sprachen, weshalb es dringend empfehlenswert ist, sich bereits vor der Auswanderung zumindest grundlegende Sprachkenntnisse anzueignen. Sie werden schnell feststellen: Schon ein wenig Japanisch erleichtert den Alltag erheblich und öffnet Türen, die sonst verschlossen bleiben.

Nach diesen allgemeinen Hinweisen soll es im weiteren Verlauf dieses Beitrags jedoch vor allem darum gehen, welche konkreten Herausforderungen und Erfahrungen einen als Deutschen in Japan erwarten. Das Spektrum reicht vom Wohnen über den Arbeitsalltag bis hin zu scheinbar banalen, aber emotionalen Themen – etwa dem fehlenden Schwarzbrot, das man in Japan tatsächlich kaum findet.

Darüber hinaus werfen wir einen Blick darauf, wie sich nach mehreren Jahren in Japan die Wahrnehmung der eigenen Heimat Deutschland verändern kann. Abschließend geben wir Ihnen eine Handvoll Tipps an die Hand, die wir bei Japanwelt für besonders wichtig halten, um sich kulturell anzupassen, Freundschaften zu schließen und sich in Japan wirklich heimisch zu fühlen.

 

Junger Deutscher steht nachts in einer belebten japanischen Großstadt mit Neonlichtern und Menschenmengen – Symbol für Kulturschock und Alltag nach der Auswanderung nach Japan

Auswandern nach Japan heißt auch, dass man Gaijin in Japan ist man häufig mit erhöhtem Interesse und Neugier konfrontiert ist, aber auch mit einer gewissen Distanz und unbekannten Regeln. Foto © Alexander Wendt, pexels

 

Wie fühlt sich der erste Alltag in Japan wirklich an?

Wer den großen Schritt nach Japan wagt – und dieser ist nicht nur geografisch zu verstehen –, sieht sich zunächst häufig mit einer Form von Kulturschock im Alltag konfrontiert. Wie stark dieser ausfällt, hängt maßgeblich davon ab, wie gut man die japanische Kultur und das Alltagsleben in Japan bereits kennt.

Oft beginnt dies schon unmittelbar nach der Ankunft: Die Vielzahl an Lichtern, Gerüchen und Geräuschen in den Großstädten kann bei nicht wenigen Menschen bereits kurz nach dem Ausstieg aus dem Flugzeug zu einer regelrechten Reizüberflutung führen.

Hinzu kommen die kulturellen Unterschiede im Umgang miteinander und im gesellschaftlichen Zusammenleben. Dazu zählen etwa Höflichkeitsformeln sowie geschriebene und ungeschriebene Regeln, nach denen der Alltag in Japan funktioniert.

All das kann schnell zu einem Gefühl des Fremdseins führen – ein Eindruck, der zunächst durchaus zutrifft. Verstärkt wird dies durch das hohe Sprachtempo, dem man im Alltag etwa im Supermarkt oder an Bahnhöfen begegnet. Selbst bei guten Kenntnissen der japanischen Sprache kann dies anfangs überfordernd wirken.

Gerade japanische Supermärkte überraschen viele Ausländer: Ein eigener Gang für Reiskocher, die Auswahl zwischen rund 20 verschiedenen Sojasaucen oder der Zeitdruck an den automatischen Kassen sind ungewohnt. Nicht selten entsteht dabei das Gefühl, schlicht im Weg zu stehen.

Neben dem Alltag stellt auch die oft als überreguliert und schwer verständlich empfundene japanische Bürokratie selbst bei guter Vorbereitung eine Herausforderung dar. Bemerkenswert ist, dass in der vermeintlichen Digitalnation Japan in Verwaltungsangelegenheiten noch immer stark auf Papier gesetzt wird.

Zu den wichtigsten Schritten nach der Ankunft gehören die Anmeldung bei der Stadtverwaltung, die Ausstellung der sogenannten My-Number-Card – einer mit Chip und zwölfstelliger Nummer versehenen ID-Karte, die für Steuer- und Sozialversicherungsangelegenheiten zwingend erforderlich ist – sowie die Beantragung beziehungsweise Zertifizierung eines Inkan.

Dabei handelt es sich um einen Namensstempel, der anstelle einer Unterschrift auf offiziellen Dokumenten verwendet wird, etwa beim Hauskauf. Jede dieser Beantragungen kann für sich genommen mehrere Tage in Anspruch nehmen, auch wenn die Abläufe selbst meist erstaunlich effizient organisiert sind.

Ein weiterer Kulturschock kann der öffentliche Nahverkehr sein. Zwar fahren Züge in Japan nahezu immer pünktlich, in der Rushhour kommen jedoch mitunter sogenannte Schiebestöcke zum Einsatz, um Fahrgäste in die bereits überfüllten Waggons zu drücken. Dies geschieht in der Regel in völliger Stille, was gerade zu Beginn ungewohnt und bisweilen befremdlich wirken kann.

Auch die Bahnhöfe selbst sind oft komplex aufgebaut und gleichen Labyrinthen, in denen man sich leicht verirrt. Aber keine Angst, auch wenn es auf dem ersten Blick nicht so scheint, ist beispielsweise die U-Bahn in Tokio leichter zur durchschauen, als manch deutsches Verkehrsnetz.

Für viele noch herausfordernder sind jedoch die distanzierten, stets höflichen aber auch widersprüchlichen Umgangsformen der Japaner, bei denen immer eine gewisse Zurückhaltung spürbar bleibt. Spontane Kontakte entstehen nur selten, was dazu führen kann, dass man als Auswanderer zunächst nur langsam Anschluss findet.

Gerade in den ersten Wochen fühlen sich daher viele Menschen einsam. Eine wichtige Rolle kann hier allerdings der Arbeitsplatz spielen: In Japan werden Unternehmen häufig als eine Art Gemeinschaft oder sogar Familie verstanden, und gemeinsame Aktivitäten sind nicht unüblich. Damit gehen jedoch auch lange Arbeitszeiten, viele Überstunden und die Erwartung einher, sich in hohem Maße für den Arbeitgeber einzusetzen.

 

Wohnen in Japan vs. Deutschland – Zwischen Effizienz und stiller Distanz

Insbesondere in den großen Städten stellt sich die typische Wohnsituation ganz anders dar, als in Deutschland. Die durchschnittliche Größe für ein Appartement in Japan liegt bei Singles deutlich unter 25 qm, nicht selten um die 21 qm, was in Deutschland als Wohnung kaum vorstellbar wäre.

Dafür sind in diesen sehr kleinen Wohnungen die benötigten Geräte wie Küche und Waschmaschine sowie das Bad aber kompakt integriert, was trotz der geringen Grundfläche effiziente und funktionale Wohnungen, sogenannte Mikroappartements ergibt. Trotzdem muss man sich an den fehlenden Platz anpassen, was nicht immer leicht fällt.

Auch die Vermietung in Japan läuft völlig anders ab, als in Deutschland und hat einige, teils sehr fremd wirkende Regeln. Dazu gehört zuerst leider auch, dass viele japanische Vermieter Wohnungen nicht gerne an Ausländer vermieten.

Ist dieser Schritt genommen, dann steht vor Bezug der Wohnung oft das so genannte Schlüsselgeld („Rei-kin“) an, ein Geschenk an den Vermieter in Höhe von 1-2 Monatsmieten. Rei-kin ist vor allem in den Großstädten üblich.

Dazu kommt oft noch eine Agenturgebühr für die Vermittlung sowie eine Vorauszahlung für die ersten Mieten, so dass man in Summe schnell bis zu 5 Monatsmieten up front bezahlen muss. Ein typischer Mietvertrag ist zudem begrenzt, meist auf zwei Jahre.

Zu den kulturellen Besonderheiten gehört das rigorose Mülltrennen, das von allen erwartet wird und nicht nur das Trennen nach Kategorien, sondern auch das Entsorgen an bestimmten Tagen vorsieht. Dies wird auch durchaus überprüft und kann zu Hinweisschildern am Müllbeutel oder sogar einer Rüge führen.

Außerdem gibt es die Tatami-Regel, das heißt, dass in den Wohnungen keine Schuhe getragen und keine Rollkoffer benutzt bzw. über die Tatami-Matten gezogen werden dürfen. Reparaturkosten für eventuell entstehende Schäden trägt der Mieter.

Zuletzt wird von Mietern in Japan erwartet, sich an die ungeschriebenen Regeln des Zusammenlebens auf engem Raum zu halten, das heißt, es wird erwartet, dass man Nachbarn mit einer Verbeugung begrüßt, auch tagsüber Laute Schritte und Türenschlagen vermeidet und nie laute Musik hört (außer mit Kopfhörer natürlich). Das Erzeugen von lauten Geräuschen wird in Japan ganz allgemein als unhöflich angesehen.

 

Wie verändert Arbeit in Japan den Alltag eines Deutschen?

 

Japanische Arbeitskultur – Harmonie statt Konfrontation

Die japanische Arbeitskultur unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht deutlich von der in Deutschland. Ein zentraler Aspekt ist dabei das Streben nach Harmonie. Vorgesetzte formulieren Anweisungen häufig eher indirekt und in Form von Andeutungen, anstatt klare und eindeutige Ansagen zu machen. Ähnliches gilt für Meetings: Diese dienen oft weniger der offenen, zielorientierten Diskussion von Lösungsansätzen, sondern vielmehr dazu, den Gruppenkonsens zu festigen und bestehende Positionen abzusichern.

Entscheidungen werden dadurch meist indirekt vorbereitet und getroffen. Für viele Deutsche ist das nicht nur stark gewöhnungsbedürftig, sondern wirkt auf den ersten Blick auch ineffizient – auch wenn es das in der japanischen Logik nicht zwingend ist. Die Prozesse sind anders, nicht unbedingt schlechter, verlangen jedoch Geduld und ein hohes Maß an zwischenmenschlichem Feingefühl.

Für besonderes Erstaunen sorgen bei Deutschen häufig die morgendlichen Chōrei-Meetings. Dabei versammeln sich die Angestellten, verbeugen sich gemeinsam und rufen das Firmenmotto. Ziel ist die Stärkung des Teamgefühls und der gemeinsamen Identität – inhaltliche Informationen werden dabei allerdings kaum vermittelt, was aus deutscher Perspektive durchaus kurios wirken kann.

Ähnlich ritualisiert, aber vielleicht weniger fremd, ist der sogenannte Büroputz-Freitag. An diesem Tag reinigen die Angestellten ihre eigenen Schreibtische und Arbeitsbereiche, um am Montag an einem sauberen Arbeitsplatz zu beginnen. Auch dieses Ritual dient weniger der Effizienz als vielmehr dem Gemeinschaftsgefühl und der gemeinsamen Verantwortung für das Arbeitsumfeld.

 

Internationale Mitarbeiterinnen arbeiten gemeinsam in einem modernen Büro in Japan – symbolisch für Arbeitsalltag, Teamkultur und Harmonie in japanischen Unternehmen

Auch wenn man mittlerweile auch in japanischen Firmen viele Ausländer trifft, sind die spezifischen Hierarchien und Verhaltensformen für westliche Arbeitnehmer oft schwierig einzuschätzen. Foto ©  Mimi Thian auf Unsplash

 

Rollenverständnis im Job – Ausländer in der zweiten Reihe?

Für Ausländer ist es in Japan oft schwierig, innerhalb eines Unternehmens Karriere zu machen. Beförderungen sind ohne ein ausgeprägtes kulturelles Verständnis und nahezu perfekte Sprachkenntnisse eher selten. Viele Ausländer verbleiben daher in unterstützenden oder spezialisierten Rollen. Typisch sind Positionen, in denen Fachkräfte aufgrund ihres spezifischen Know-hows als Experten eingesetzt werden. Diese übernehmen häufig eine beratende Funktion, während die eigentlichen Entscheidungen – unabhängig vom Ergebnis – innerhalb der Senpai-Hierarchie, also der hierarchischen Ordnung nach Betriebszugehörigkeit und Seniorität, getroffen werden.

Auch die jährliche Mitarbeiterbewertung unterscheidet sich deutlich von deutschen Maßstäben. Sie steht ganz im Zeichen der Harmonie: Kritik wird oft in Lob verpackt, Schwächen nur indirekt angesprochen. Für viele Deutsche ist es daher schwierig, den eigenen Fortschritt oder die tatsächliche Einschätzung der eigenen Leistung klar zu erkennen. Umso wichtiger sind hier ein gutes kulturelles Verständnis und sichere Sprachkenntnisse.

Dennoch gibt es durchaus Möglichkeiten, auch ohne tiefgehende Japanischkenntnisse in Japan zu arbeiten. Typische Beispiele sind Tätigkeiten als Englischlehrer sowie Jobs im IT-Bereich oder in der Forschung, die internationaler organisiert sind als viele andere Berufsfelder. Mehr dazu finden Sie in unserem Blogbeitrag Arbeiten in Japan ohne Deutschkenntnisse.   

 

Zwischen Nomikai und fehlender Freizeit – echte Balance?

Japan ist bekannt – und nicht ohne Grund beinahe berüchtigt – für ein anspruchsvolles Arbeitsleben mit langen Arbeitszeiten und insgesamt wenig Urlaub, den viele Mitarbeiter nicht einmal vollständig ausschöpfen. Besonders ungewöhnlich wirkt für Deutsche die unausgesprochene soziale Pflicht, im Büro zu bleiben, selbst wenn die eigenen Aufgaben bereits erledigt sind. Man teilt sozusagen die Überstunden der Kollegen. Entsprechend enden Arbeitstage in Japan nicht selten erst gegen 21 Uhr.

Hinzu kommt das berühmt-berüchtigte Nomikai (飲み会), also das gemeinsame Trinken von Vorgesetzten und Angestellten nach Feierabend. Die Teilnahme gilt dabei meist als selbstverständlich und wird stillschweigend erwartet, auch wenn diese Treffen häufig alles andere als privat oder entspannt sind.

Darüber hinaus fühlen sich viele Beschäftigte in Japan verpflichtet, auch in ihrer Freizeit erreichbar zu bleiben und im Zweifel kurzfristig verfügbar zu sein. Die ohnehin knappe freie Zeit wird dadurch zusätzlich fremdbestimmt.

Als Ausgleich für den intensiven Arbeitsalltag stehen im ersten Jahr meist lediglich zehn Urlaubstage zur Verfügung, später etwas mehr. Doch selbst diese werden oft nicht vollständig genommen, da längerer Urlaub sozial und unternehmensintern eher kritisch gesehen wird. Auf der anderen Seite bietet Japan zahlreiche Möglichkeiten für kurze Erholungspausen am Wochenende – etwa Aufenthalte in einem Onsen-Städtchen, wo man beim Baden in heißen Quellen körperlich wie mental abschalten kann.

Eine echte Work-Life-Balance, wie sie viele Deutsche kennen oder erwarten, sollte man in Japan allerdings nicht voraussetzen. Wer sich darauf einstellt und bewusst kleine Inseln der Erholung sucht, kann dennoch Wege finden, mit den besonderen Anforderungen des japanischen Arbeitsalltags umzugehen.

 

Ungewohnte Sprache & Kommunikation mit Japanern – Wenn alles höflich, aber nicht eindeutig ist

Die Sprachbarriere stellt in Japan selbst dann eine Herausforderung dar, wenn man bereits über grundlegende Japanischkenntnisse verfügt. Dabei geht es nicht nur um das reine Verstehen und Sprechen, sondern vor allem um die deutlich anderen Kommunikationskonventionen. Hinzu kommen nonverbale Elemente wie Körpersprache, Mimik und Pausen, die in Japan eine wesentlich größere Rolle spielen als im deutschen Sprachraum.

 

Japanische Schriftzeichen auf traditionellen Holztafeln – Symbol für Sprachbarriere, Schriftkultur und die Herausforderungen der Kommunika-tion im Alltag in Japan

Wer in Japan für eine längere Zeit leben möchte, sollte sich unbedingt mit der Sprache und der eigenen Schrift befassen. Bild: © Evelyn_Chai – Pixabay

 

Japanisch im Alltag – Verstehen trotz Grundkenntnissen schwierig

Japanisch bleibt im Alltag auch mit soliden Grundkenntnissen anspruchsvoll. Ein Grund dafür ist das oft hohe Sprachtempo, etwa bei Lautsprecherdurchsagen in Zügen oder Bahnhöfen. Zusätzlich können Höflichkeitsformen wie „sama“, eine der respektvollsten Anredeformen im Japanischen, den Sinn einer Aussage weiter verkomplizieren und das Verständnis erschweren.

Eine weitere Hürde stellen regionale Dialekte wie Kansai-ben oder Tōhoku-ben dar, die selbst für Lernende mit fortgeschrittenen Sprachkenntnissen schwer verständlich sein können. Hinzu kommen sogenannte Katakana-Lehnwörter, also Begriffe, die meist aus dem Englischen übernommen wurden. Diese tragen zwar vertraut klingende Formen, haben im Japanischen jedoch nicht immer dieselbe Bedeutung wie im Ursprungs­kontext – was leicht zu Missverständnissen führen kann.

 

Was zwischen den Worten geschieht – nonverbale Regeln verstehen

In der ausgeprägten Höflichkeitskultur Japans kommt der nonverbalen Kommunikation und dem Lesen zwischen den Zeilen eine wesentlich größere Bedeutung zu als in Deutschland. Schweigen kann beispielsweise Zustimmung signalisieren, während ein Kopfnicken häufig lediglich bedeutet: „Ich höre zu“ – nicht zwingend „Ich stimme zu“.

Besonders schwer zu deuten ist das Lächeln, dem man in der japanischen Kommunikation nahezu immer begegnet. Es kann Zustimmung, Ablehnung oder schlicht höfliche Zurückhaltung ausdrücken. Entscheidend ist hier der Kontext, den Sie mit der Zeit lernen müssen zu „lesen“. Sprachliche Uneindeutigkeit gilt in Japan dabei nicht als Schwäche, sondern vielmehr als Zeichen sozialer Kompetenz und Rücksichtnahme.

Auch Körpersprache ersetzt in vielen Situationen verbale Hinweise. Dazu zählen leichte Verbeugungen, eine sehr zurückhaltende Gestik sowie das bewusste Vermeiden direkten Augenkontakts. All diese Signale sind Teil der Kommunikation und sollten stets mitbedacht werden.

 

Einfach sprechen, höflich bleiben – besser als perfekt reden

Japaner gehen in der Regel davon aus, dass ein Gaijin, also ein Ausländer, ihre Sprache nicht perfekt beherrscht. Umso wichtiger ist es, nicht nach sprachlicher Perfektion zu streben, sondern auf einfache, höfliche Formulierungen zu setzen. Kurze Standardfloskeln wie „Sumimasen“ oder „Onegaishimasu“ erweisen sich im Alltag oft als wirkungsvoller als komplexe Satzkonstruktionen. Sie erleichtern den ersten Kontakt und öffnen viele Türen.

Hilfreich ist zudem der sogenannte Keigo-Trick: Im Zweifel formuliert man Aussagen besser passiv. Diese Ausdrucksweise gilt als höflicher, zurückhaltender und respektvoller und hilft dabei, das Gesicht des Gegenübers zu wahren. Gerade im Alltag kann diese Form der Kommunikation Missverständnisse vermeiden und den Umgang deutlich entspannen.

 

Was vermisst man als Deutscher – und was lernt man in Japan lieben?

Als Deutscher in Japan wird man sehr schnell die Brotvielfalt vermissen. Abgesehen von wenigen spezialisierten Bäckereien dominiert weiches, oft leicht süßliches Weißbrot oder Toast das Angebot. Für ein kräftiges Roggenbrot muss man meist eine kleine Odyssee auf sich nehmen. Ähnlich verhält es sich mit Leberwurst und anderen typisch deutschen Lebensmitteln, die in Japan kaum oder gar nicht erhältlich sind.

Doch nicht nur kulinarisch stellt sich ein Gefühl des Verlustes ein. Viele Deutsche vermissen auch die offene Debattenkultur des Alltags, wie sie in Deutschland selbstverständlich ist – ebenso wie, je nach Temperament, die weitgehend fehlende Ironie. Hinzu kommen die oft umständliche und indirekte Kommunikation, das Ausbleiben spontaner Einladungen sowie die Gewohnheit, aus Höflichkeit niemals offen Kritik zu äußern. An all das gewöhnt man sich meist nur langsam.

Auf der anderen Seite lernt man die Vorzüge des japanischen Alltags oft erstaunlich schnell schätzen. Dazu zählen pünktliche Züge – in Deutschland mittlerweile eher die Ausnahme –, eine beeindruckende Sauberkeit im öffentlichen Raum sowie eine äußerst niedrige Kriminalitätsrate. In Japan kann man tatsächlich davon ausgehen, ein verlorenes Portemonnaie samt Inhalt wiederzubekommen.

Hinzu kommt die allgegenwärtige Höflichkeit, die den Alltag spürbar angenehmer macht und selbst bei kleinen Einkäufen oder Beschwerden konsequent gewahrt wird. Pünktlichkeit, perfekt saubere Toiletten mit Sitzheizung – auf die man bald nicht mehr verzichten möchte – sowie die nahezu flächendeckende Verfügbarkeit von Getränkeautomaten, oft sogar mit Heißgetränken, gehören ebenfalls zu den Dingen, die viele Deutsche in Japan schnell lieben lernen, insbesondere im Winter.

Trotz dieser vielen positiven Aspekte hadern jedoch zahlreiche Ausländer in Japan – darunter auch viele Deutsche – nach etwa drei bis fünf Jahren mit ihrer Entscheidung. Nicht wenige kehren schließlich in ihre Heimat zurück. Manchmal sind dafür rein berufliche oder soziale Umstände ausschlaggebend, häufig spielen jedoch auch Faktoren wie kulturelle Entfremdung, eingeschränkte Karrieremöglichkeiten, Familienplanung und nicht selten empfundene Einsamkeit eine Rolle. Anschluss zu finden ist in Japan schwierig – ein Umstand, der sich für viele erst mit der Zeit in voller Tragweite zeigt. Mehr Hintergründe dazu finden Sie in unserem Beitrag warum Ausländer Japan wieder verlassen.

 

Soziale Kontakte & Freundschaften mit Japanern – Warum Nähe Zeit braucht

In Japan ist das Knüpfen sozialer Kontakte und das Entstehen von Freundschaften meist ein langfristiges Projekt, das Geduld, Engagement und Durchhaltevermögen erfordert. Nähe entsteht selten spontan, sondern entwickelt sich über längere Zeit und durch wiederholte Begegnungen – etwa in Sprachgruppen, im beruflichen Umfeld oder in Sportvereinen. Auch sogenannte Sprach-Tandems sind verbreitet, bleiben jedoch häufig zunächst auf einer eher funktionalen Ebene und werden erst nach längerer Zeit zu engeren Bekanntschaften, wenn überhaupt.

Erschwerend kommt hinzu, dass es in Japan unüblich ist, jemanden nach Hause einzuladen. Treffen finden daher meist in größeren, weniger persönlichen Gruppen statt, etwa beim gemeinsamen Essen und Trinken in einer Izakaya, also einer japanischen Kneipe, oder beim Karaoke. Diese Formen des Zusammenseins fördern zwar Regelmäßigkeit, lassen aber nur begrenzt Raum für persönliche Gespräche.

Auch der Smalltalk folgt in Japan klaren Regeln. Gespräche drehen sich häufig um unverfängliche Themen wie das Wetter, regionale Spezialitäten oder Freizeitaktivitäten. Persönliche, ernste oder gar kontroverse Inhalte werden in der Regel vermieden. Unterhaltungen über Religion oder Politik gelten sogar als Tabu. Für viele Deutsche wirkt diese Zurückhaltung zunächst distanziert, ist jedoch Ausdruck von Rücksichtnahme und dem Wunsch nach Harmonie.

Was für Freundschaften gilt, trifft teilweise auch auf Dating und Romantik zu. Auch hier prägen Höflichkeit und indirekte Kommunikation das Miteinander. Ablehnung wird selten offen ausgesprochen und muss oft erst als solche erkannt werden. Für die Kommunikation wird dabei überwiegend der Messengerdienst Line genutzt, der in Japan die Rolle von WhatsApp einnimmt. Gerade beim Anbahnen einer romantischen Beziehung spielen nicht nur Antwortzeiten, sondern auch die Verwendung von Emoojis eine wichtige Rolle. Das richtige Maß zu finden, kann den Prozess zusätzlich verkomplizieren.

 

Wie verändert das Leben in Japan die eigene Sicht auf Deutschland?

Als Deutscher wird man in Japan schnell mit bekannten Stereotypen konfrontiert – Pünktlichkeit, Ordnung, Technik. Entsprechend hoch sind oft die Erwartungen, diesen Vorstellungen möglichst perfekt zu entsprechen. Gleichzeitig bleibt man in Japan selbst nach vielen Jahren meist ein „Gaijin“, ein Fremder. Das hängt auch damit zusammen, dass es insgesamt nur wenige Ausländer gibt, die dauerhaft im Land leben.

Nach längerer Zeit in Japan erleben viele Deutsche zudem einen Rückkehr-Kulturschock. Die Lautstärke, besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln, sowie die direkte Kommunikation und offene Kritik in Deutschland können zunächst befremdlich wirken. Zugleich wird der Alltag in Deutschland häufig als freier, emotionaler und entspannter wahrgenommen. Daraus entwickelt sich bei vielen eine persönliche Mischung aus deutscher Klarheit und japanischer Höflichkeit.

Die Erfahrungen in Japan führen oft zu einer bewussteren Reflexion kultureller Normen. Fragen nach Freiheit, Nähe und Privatsphäre werden neu bewertet – und man beginnt klarer zu erkennen, welche kulturellen Werte einem selbst näherstehen und wie man mit beiden Welten umgeht.

Mehr zum Bild der Deutschen in Japan nachlesen.

 

Die wichtigsten Anpassungsstrategien für dein Leben in Japan als Deutscher – von Japanwelt

  • Setze auf Geduld statt Tempo: Es ist besser, sich von vornherein ein Mindset zuzulegen, dass manche Dinge wie Entscheidungen, Lieferungen und Genehmigungen in Japan mitunter länger dauern können, als man dies gewohnt ist. So vermeidet man unnötigen Frust.
  • Höflichkeit kommt vor Inhalt: In Japan kommt es vor allem darauf an, höflich und respektvoll aufzutreten. Die Form ist dabei viel wichtiger als der Wortschatz.
  • Honne“ vs. „Tatemae“: Japaner trennen Privatmeinung (Honne) von der nach Außen zur Schau gestellten Fassade (Tatemae). Daher spielen neben den Worten gerade auch Mimik und Gestik eine wichtige Rolle, die man zu verstehen lernen sollte, wenn man in Japan richtig ankommen will.
  • Kontakte durch Rituale: In Japan entstehen Bekanntschaften und Freundschaften erst über die Zeit und durch regelmäßigen Kontakt. Daher ist es sinnvoll, sich Rituale zuzulegen, wie zum Beispiel jede Woche in das gleiche Café zu gehen, oder den gleichen Sprach-Stammtisch oder Sportclub zu besuchen. So schafft man durch wiederholten Kontakt Vertrauen und schafft sich erste echte Bekanntschaften und vielleicht gar Freundschaften.
  • Deutsches Netzwerk nur in Maßen nutzen: Sich ein deutsches Netzwerk aufzubauen oder einem solchen beizutreten, ist sinnvoll und hilfreich, unter anderem allein um eventuelles Heimweh zu bekämpfen, man sollte dies aber nur in Maßen tun, um sich nicht in dieser Blase einzusperren.
  • „Gaijin Bonus“: Als Fremder in Japan ist man häufig mit erhöhtem Interesse und Neugier konfrontiert. Dies kann man durchaus positiv nutzen, um Kontakte zu knüpfen. Auf der anderen Seite begegnen manche Japaner Fremden auch mit besonders großer Distanz, dies sollte man einfach akzeptieren und nicht persönlich nehmen.
  • Nutze Firmen- und Stadtteilsysteme: Japanische Firmen haben oft Betriebs-Circle und andere gemeinschaftliche Aktivitäten, an denen man teilnehmen und so Bekanntschaften schließen kann. Ähnliches gilt für viele Stadtteile insbesondere in größeren Städten, in denen man bei Nachbarschaftsfesten oder Bürgerzentrum-Kursen in Kontakt mit Einheimischen und Nachbarn kommt. Beide dieser Systeme können mit Zeit zu echten Freundschaften führen.

 

Über die Redaktion von Japanwelt

Unser Redaktionsteam teilt seine Leidenschaft für japanische Kultur, Design und Lebensart. Viele unserer Mitarbeiter reisen regelmäßig nach Japan, um neue Inspirationen, Produkte und kulturelle Eindrücke zu sammeln. In unseren Artikeln verbinden wir fundiertes Wissen mit authentischen Einblicken – für alle, die Japan entdecken oder ein Stück davon nach Hause holen möchten.

E-E-A-T · Quellenbasiert · Zuletzt aktualisiert: 8.1.2026

 

 

Das könnte Sie auch interessieren:

Wie sagt man auf Japanisch „Ich liebe dich“?

Fluchen auf Japanisch: Zehn Schimpfwörter, die Sie in Japan sehr vorsichtig verwenden sollten

7 Arten für Entschuldigung auf Japanisch

 

Titelfoto © Masashi Wakui auf Pixabay 

 

Passende Artikel

Kommentar schreiben

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

  1. Paravent, Futon und Tatami in Berlin bei Japanwelt online günstig kaufen
  2. Blog