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Salaryman in Japan – Spiegelbild der japanischen Gesellschaft

Der Salaryman, ein Angestellter im klassischen Business-Anzug und Aktentasche, der zur Arbeit hastet und oft erst spät in der Nacht nach Hause kommt, ist sozusagen das Spiegelbild der japanischen Gesellschaft. Er verkörpert hoch geschätzte Tugenden und die Opferbereitschaft
für das Unternehmen, in dem er angestellt ist und bei dem er ein Leben lang arbeiten wird.

Seit der Nachkriegszeit war dieser Salaryman sozusagen „das“ Rollenmodell für Männer der Mittelschicht und prägte den japanischen Lebensalltag. Inzwischen sind allerdings Risse in diesem Bild aufgetreten, was nicht nur an der erschöpfenden Lebensweise dieser Angestellten liegt, die oft 50 oder 60 Stunden in der Woche im Büro verbringen, sondern auch an den negativen Folgen wie Depression, Alkoholmissbrauch oder gar dem in Japan häufiger also sonst irgendwo auftretenden „Tod durch Überarbeitung“.

Gerade die jüngeren Generationen, insbesondere die Millenials und Gen-Z, streben daher nach einer besseren Work-Life-Balance und mehr Selbstverwirklichung. Gleichzeitig hat der japanische Staat die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Probleme erkannt, die durch das klassische Salaryman Lebensmodell entstehen und versucht diesen entgegenzuwirken.

In unserem Beitrag erfahren Sie nicht nur, was ein Salaryman ist, sondern auch, wie seine Rolle sich zu ändern beginnt. Dazu bieten wir einen vertieften Einblick in das Leben eines typischen Salaryman, zeigen die damit einhergehenden Problematiken auf und welche Rolle Frauen in ähnlichen Jobs einnehmen, denn der Salaryman ist ein rein männlicher Phänotyp.

Zuletzt versuchen wir uns an einem Ausblick auf die Zukunft dieser in Japan ikonischen und geradezu symbolhaften Figur, die spätestens seit den 1960er Jahren die japanische Arbeitswelt weitgehend dominiert.

 

Salaryman und Pendler in einer japanischen Bahn auf dem Weg zur Arbeit
Der tägliche, oft stundenlange Weg zur Arbeit gehört für Millionen Angestellte in den Ballungsräumen Japans fest zum Arbeitsalltag. Foto © Valent Lau

 

Was bedeutet „Salaryman“ in Japan?

Der Begriff Salaryman (サラリーマン, sararīman) setzt sich aus den eigentlich aus dem englischen stammenden Wörtern „Salary“ für Lohn oder Bezahlung und „man“ für Mann zusammen. Es bezeichnet einen Angestellten mit festem Einkommen, in Japan vor allem solche, die in einem großen Unternehmen arbeiten, genau definiert ist dies aber nicht.

Der „Salaryman“ arbeitet lange Stunden (bis zu 80 h die Woche), bleibt ein Leben lang bei seiner Firma, wird nach Seniorität befördert und trägt einen konservativen Anzug. Darüber hinaus spielt sich das Sozialleben eines typischen Salaryman fast ausschließlich in seiner Firma und mit seinen Kollegen ab, während für die Familie und andere Freunde aufgrund der langen Arbeitsstunden wenig Zeit bleibt.

Wenn dieses Bild des typischen japanischen Salaryman auch abschreckend wirken mag und in seiner popkulturellen Verarbeitung auch oft gern überspitzt genutzt wird, ist es in Japan in Teilen bis heute sozusagen das anzustrebende Lebensmodell eines Mannes (Frauen werden im Allgemeinen nicht zu den Salaryman gezählt).

Der Salaryman steht in Japan so für Werte wie Disziplin, Pflichterfüllung und gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit sozusagen als Sinnbild für die japanische Arbeitsidentität.

Der Begriff Salaryman kann in Japan bis in die späten 1920er Jahre zurückverfolgt werden, wo er wohl in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1928 erstmals genutzt wurde, um westliche Firmenangestellte in Japan zu beschreiben.

Später wurde der Begriff dann auf japanische Angestellte übertragen. Heute zählen rund 60% der männlichen Erwerbstätigkeiten zu der Kategorie der Salaryman und arbeiten hauptsächlich in den Bereichen Dienstleistung, Finanzen, Verwaltung und Großhandel.

Den Salaryman gegenüber stehen die Selbstständigen („Jiritsu Gyōsha“), Beamte („Kōmuin“) und Arbeiter („Rōdōsha“), die jeweils ihre eigene Kategorie bilden.

 

Was macht ein japanischer Salaryman?

Typischerweise ist der Salaryman ein Büroangestellter in der Verwaltung, im Vertrieb oder im Management eines großen Unternehmens. Dabei liegt der Fokus in Japan stärker auf Achtung der Hierarchie, Gruppenarbeit und Effizienz, als dies in den meisten anderen Ländern der Fall ist.

Individuelle Kreativität hingegen ist traditionell deutlich unwichtiger. Zu den typischen Aufgaben gehören Dokumentation, Teamkoordination, Kundenpflege und natürlich die in allen Unternehmen unumgänglichen Meetings.

Der Arbeitsablauf und die Art der Arbeit ähneln damit der Arbeit von Büroangestellten überall auf der Welt, allerdings mit kulturell bedingten Eigenheiten insbesondere in Hinsicht auf die Teamarbeit und die Arbeitsstunden.

 

Wie entstand der Salaryman als Leitfigur der japanischen Arbeitskultur?

Der Aufstieg der Figur des Salaryman als Leitfigur der japanischen Arbeitskultur beginnt in den 1950er Jahren mit dem Anfang des japanischen Wirtschaftswunders in der Nachkriegszeit. Für diesen bis in die 1980er Jahre ungebrochene Aufstieg Japans zu einem ökonomischen Powerhouse war der Salaryman sozusagen das Rückgrat und das Ideal für die entstehende breite Mittelschicht.

Ein wichtiger Faktor war (und ist) dabei die das „Shūshin Koyō“, die lebenslange Festanstellung, das in der Spitze von 70% der Großunternehmen praktiziert wurde und den Kern der Attraktivität des Systems einer tiefen Loyalität – und Hingabe – an den Arbeitgeber in Japan ausmachte.

Die Idee des „Shūshin Koyō“ baut dabei stark auf Werten des Bushidō – dem Verhaltenskodex der Samurai – sowie den Lehren des Konfuzius auf und überträgt die zentralen Werte dieser Philosophien wie Pflicht, Disziplin, Loyalität, Gehorsam und Opferbereitschaft mit einem starken Fokus auf Gruppenzugehörigkeit auf das Arbeitsleben.

Dabei nimmt der Chef sozusagen die „Vaterfigur“ ein und die Firma ist die Familie. Dafür wird man mit der Aussicht auf lebenslange Anstellung sowie einem festen Karrierepfad belohnt, der nach Dienstjahren geregelt wird und nicht nach Leistung (mit Ausnahmen in den letzten Aufstiegsstufen).

Dieses System der Beförderung nach Seniorität wird in Japan „Nenko Joretsu“ genannt. Darüber hinaus übernahmen die Unternehmen in Japan in den Boomjahren auch die Rente oder Teile dieser für ihre Angestellten, stellten Wohnungen oder halfen bei der Wohnungssuche und boten vielfältige Freizeitangebote an. Teilweise wird dies heute noch so praktiziert, wenn auch oft nicht mehr in demselben Umfang.

Der Eintritt als Salaryman in das „Shūshin Koyō“ stellte damit eine Form der Rundumabsicherung dar, die dann mit langen Arbeitsstunden und kaum mehr Privatleben bezahlt werden musste.

Die jüngeren Generationen rücken aber inzwischen mehr und mehr von dieser Idealvorstellung eines Lebens als Salaryman ab (natürlich auch, weil nicht mehr dieselben Vorteile zu erwarten sind) und stellen individuelle Wünsche sowie einen Karrierepfad mit Unternehmenswechsel vermehrt in den Vordergrund, weshalb die japanischen Unternehmen sich in einer Phase des Umbruchs hinsichtlich der Arbeits- und Unternehmenskultur befinden.

 

Alltag eines Salaryman – Zwischen Routine, Überstunden und Gruppendruck

Der Alltag eines Salaryman bewegt sich zwischen Routine, den vielen, oft unbezahlten Überstunden und einem hohen Gruppendruck als Teil der „Familie“, wie die Unternehmen oft betrachtet werden.

Zu den täglichen Routinen gehört meist das Pendeln vom Zuhause zur Arbeit und zurück, was durchschnittlich 1 Stunde und 19 Minuten pro Weg in Anspruch nimmt (in Tokio sogar 1 Std. 35 Min.).

Die Bürozeiten gehen offiziell meist von 9:00 bis 18:00 Uhr (bei besonderen Tätigkeiten kann dies natürlich auch abweichen), die tatsächliche Anwesenheit der Salaryman im Büro dauert aber oft sogar bis 21:00 Uhr, u.a. weil es als unhöflich gilt, vor dem Chef zu gehen.

Hinzu kommt die (offiziell obligatorische) Teilnahme an Afterwörk-Veranstaltungen wie den Nomikai, Abenden, an denen man gemeinsam mit der Abteilung und dem Chef trinken geht, üblicherweise in einem Izakaya, einer japanischen Bar.

Insgesamt bleibt da kaum mehr Zeit für die Familie oder Hobbys, außer an den Wochenenden natürlich, so dass das Privatleben der Salaryman in den meisten Fällen hinter der Loyalität zum Arbeitgeber zurücktritt. Dazu gehört im übrigen auch die gesellschaftliche Erwartungshaltung, dass ein Salaryman immer für seinen Arbeitgeber verfügbar sein sollte.

 

Salarymen beim Nomikai in einem japanischen Izakaya nach Feierabend
Die Nomikai gehören traditionell zur Unternehmenskultur und verbinden Geselligkeit mit einem nicht zu unterschätzenden Gruppendruck. Foto © Mak_ jp

 

 

Was macht das Leben eines Salaryman aus?

Das Leben eines Salaryman wird von seiner Arbeit und seinem Unternehmen bestimmt. Der typische Arbeitstag beginnt um 7 Uhr und endet oft erst nach 22 Uhr mit der Rückkehr ins eigene Heim.

So hat der typische japanische Angestellte eine sehr unausgewogene Work-Life-Balance, zu der noch einmal erschwerend hinzukommt, dass die Mitarbeiter ihren Urlaub nicht ausschöpfen, um im Unternehmen nicht zu fehlen.

Die durchschnittliche Nutzung der einem Angestellten insgesamt zustehenden Urlaubstage liegt in Japan so bei lediglich 55% (Studie des japanischen Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt, MHL, von 2023).

 

Wie viele Stunden arbeitet ein Salaryman?

Die offizielle maximale Arbeitszeit in Japan für einen Vollzeitjob liegt wie in Deutschland bei 40 Std. pro Woche. Tatsächlich arbeiten Salaryman aber meist zwischen 50 und 60 Stunden pro Woche, was auch durch Studien belegt ist, in denen 46% der Vollzeitbeschäftigten angaben, regelmäßig über 50 Stunden in der Woche zu arbeiten.

So kommen die Salaryman häufig auf zwischen 20 bis 30 Überstunden pro Woche, von denen aber nicht alle bezahlt werden. Die Erwartung zur Ableistung unbezahlter Überstunden wird in Japan „Service Zangyō“ genannt und betrifft etwa 20% der insgesamt geleisteten Überstunden.

 

Gesellschaftliche Bedeutung – Warum der Salaryman als Spiegel Japans gilt

In Japan, wo Arbeitsleistung als moralische Tugend angesehen wird und soziale Anerkennung nicht selten an Einkommen, Arbeitgeber und Arbeitsdauer gemessen wird, ist der Salaryman mit seiner festen Anstellung, langen Arbeitsstunden, Hingabe an das Unternehmen und klarem Karriereweg das gesellschaftlich akzeptierte Ideal.

Dabei ist auch mitentscheidend, dass laut Studien etwa 75% der japanischen Männer sich stark über den Beruf identifizieren. Du bist, was du arbeitest, wenn man so will.

Zusätzlich verkörpert der Salaryman in Japan auch historisch schon hoch angesehene Werte wie Disziplin, Loyalität und Pflichtbewusstsein. Insgesamt kommt dabei auch die für Japan auch sonst übliche Wertung der kollektiven Identität über individuelle Freiheit zum Tragen.


Allerdings gibt es heute einen gewissen Generationskontrast bei der Bewertung des Salaryman als Idealbild der Mittelschicht. Während die Babyboomer-Generation noch voll auf Loyalität gepolt war, sind die neuen Generationen der Millenials und der Gen-Z durchaus mehr an einer höheren Lebensqualität und besseren Work-Life-Balance interessiert.

Das führt zwangsweise zu einem schrittweisen Umdenken in den Unternehmen, um die besten Talente rekrutieren zu können.

Kulturhistorisch gesehen ist der Salaryman die Symbolfigur für Japans Wandel zwischen Tradition und Moderne nach dem 2. Weltkrieg und war die längste Zeit der Maßstab für männliche Rollenbilder in der Nachkriegszeit.

Allerdings gilt dies vor allem für den urbanen Raum, wo der Salaryman vor allem seine Arbeit findet. So arbeiten rund 90% der Salaryman in den großen Ballungsräumen Japans, vor allem in Tokio, Osaka und Nagoya.

 

Schattenseiten – Stress, Überarbeitung und gesellschaftliche Erwartungen

Wer alles für seine Firma gibt und seinen Urlaub nicht voll nimmt, unendlich viele Überstunden abreißt und kaum mehr ein Privatleben hat, der muss natürlich mit Stress und Überarbeitung irgendwie fertig werden, was auch in Japan zu vielerlei Problemen führt.

Verschlimmert wird diese ohnehin schon hohe Belastung durch die gesellschaftliche Erwartung, die an Salaryman gestellt wird. So sind die psychischen Folgen dieser Dauerbelastung denn auch häufig Depressionen, Isolation oder Alkoholmissbrauch, während Müdigkeit, Schlafmangel und Alkoholkonsum gleichzeitig sozial toleriert werden, was das Problem mitunter noch verschärft.

Dies wird auch durch Studien belegt, die einen Anstieg der psychischen Erkrankungen seit 2015 von gut 30% verzeichnen. Im schlimmsten Fall kommt es in Japan bei Salaryman auch zum so genannten Karōshi, dem Tod durch Überarbeitung.

Einer Studie des MHLW aus dem Jahr 2023 zufolge kommt es dabei zu rund 2.700 Todesfällen durch Überarbeitung im Jahr – eine doch sehr hohe Zahl. In unserem anderen Beitrag finden Sie mehr Informationen über die Hintergründe von Karōshi.


Die bestehenden Probleme sind in Japan natürlich bekannt und werden mitunter auch lebhaft diskutiert, insbesondere der Tod durch Überarbeitung, der immer wieder für Schlagzeilen sorgt.

Der japanische Staat arbeitet seit einigen Jahren vermehrt daran, die Work-Life-Balance der Arbeitnehmer auch per Gesetz zu verbessern, da Schwäche oder gar eine Jobaufgabe in Japan kulturell tabuisiert werden.

Zu den Reformen der letzten Jahre gehört ein Arbeitszeitlimit von 100 Überstunden pro Monat sowie das verpflichtende nehmen von mindestens fünf Tagen Urlaub, wenn ihnen insgesamt 10 zustehen (seit 2019). Bei Zuwiderhandlung können empfindliche Strafen gegen die Unternehmen verhängt werden.

 

Salaryman nachts in Japan nach langem Arbeitstag und Überstunden
Für viele japanische Angestellte gehören lange Arbeitstage und Überstunden bis heute zum Berufsalltag. Das traditionelle Arbeitsmodell steht deshalb zunehmend wegen Überarbeitung und mangelnder Work-Life-Balance in der Kritik. Foto © Julien

 

Wie viel verdient ein Salaryman durchschnittlich?

Das Durchschnittsgehalt eines Salaryman liegt in etwa zwischen 4,6–5,0 Mio. Yen im Jahr (etwa 28 000–32 000 €). Die Einstiegsgehälter wiederum liegen im Durchschnitt bei etwa 2,5 Millionen Yen im Jahr (ca. 15 000 €) für Hochschulabsolventen, während auf der Management Ebene Gehälter zwischen 7 und 8 Millionen Yen üblich sind.

Leitende Angestellte in Unternehmen verdienen sogar oft 10 Millionen Yen im Jahr oder mehr. Hinzu kommen typischerweise Bonuszahlungen sowohl im Sommer als auch im Winter, die jeweils 1-2 Monatsgehälter umfassen.

Ein weiterer Faktor bei der Bezahlung sind regionale Unterschiede. So fallen Löhne in Tokio aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten meist etwa 20% höher aus, während sie in ländlichen Gegenden auch bis zu 15% niedriger sein können.

 

Warum sind so viele Salarymen betrunken auf der Straße zu sehen?

Ein typisches und für Nicht-Japaner häufig verstörendes Bild sind die am späten Abend betrunken durch die Straßen laufenden oder sogar am Boden schlafenden Salarymen. Was hierzulande undenkbar wäre, ist in Japan akzeptierte und tolerierte Normalität, an der man sich nicht stört.

Eher stellt man einem betrunken eingeschlafenen Salaryman eine Flasche Wasser hin, damit er nach dem Aufwachen etwas zu trinken hat. Auffallend betrunkene Personen werden von der Polizei aber auch aufgegriffen und in die speziell für solche Fälle vorgesehenen „Yoidore-Rooms“ statt in reguläre Arrestzellen verbracht.

Für das Auftreten von in der Öffentlichkeit betrunkenen Salaryman, die besonders häufig an Bahnhöfen oder in Business-Vierteln wie z.B. Shinjuku oder Umeda in Tokio anzutreffen sind, sind oft die Nomikai, After-Work Trinkveranstaltungen, verantwortlich, die fest in die japanische Arbeitskultur integriert sind. Die Teilnahme an diesen „Drink with the Boss“ Veranstaltungen ist dabei zwar nicht zwangsweise obligatorisch, gehört aber zum guten Ton und unterliegt einem starken Gruppenzwang.

 

Frauen im System – „Office Ladies“

Der Salaryman ist bis heute ein maskuliner Phänotyp, weibliche Angestellte werden als „Office Ladies“ bezeichnet. Dies liegt an den in Japan immer noch eher traditionell definierten Geschlechterrollen, was sich auch an der niedrigen Anzahl an weiblichen Führungskräften ablesen lässt.

Während rund 44% der Angestellten weiblich sind, werden Leitungsfunktionen nur in etwa 13% der Fälle von Frauen besetzt. Meistens fristen weibliche Angestellte ihr Arbeitsleben dabei in administrativen Positionen mit eher geringen Aufstiegschancen.

Ein Grund hierfür ist die bei vielen vorherrschende Vorstellung, dass eine Frau nach der Heirat ihre Arbeit kündigt, um sich ganz ihrem Mann und dem gemeinsamen Heim zu widmen. Dies ist allerdings auch in Japan nicht mehr wirklich zutreffend, ja, schlimmer noch, viele Frauen entscheiden sich dafür, alleinstehend zu bleiben, weil sie nicht den Vorstellungen eines Ehemannes als Ehefrau entsprechen wollen.

Daher haben vor allem Großunternehmen inzwischen auch Gleichstellungsinitiativen initiiert und protegieren vermehrt auch weibliche Angestellte für Führungspositionen (zum Beispiel Hitachi und Shisheido).

Gesetzlich sind Frauen dabei seit dem 1986 erlassenen „Equal Employment Opportunity Act“ (改正男女雇用機会均等法) zumindest theoretisch Männern im Berufsleben gleichgestellt. Eine Frauenquote oder so etwas existiert aber nicht.

Eine der größten Hürden für viele Frauen, einen beruflichen Aufstieg zu machen, sind neben immer noch fehlender Förderung auch die häufig zusätzlich anfallende Care-Arbeit von im Schnitt 7 Stunden die Woche, die diese zusätzlich zu ihrem Beruf verrichten. Mit der Überalterung der japanischen Gesellschaft und einem auch daraus resultierenden Arbeitskräftemangel ist die Genderfrage heute aber ein wichtiger Teil des kulturellen Wandels in Japan.

 

Der moderne Salaryman – Zwischen Tradition und Transformation

Die lange Zeit den japanischen Arbeitsalltag prägende Figur des Salaryman befindet sich in einer Phase der Transformation. Dabei werden moderne Konzepte, wie z.B. die Arbeit im Home-Office, was immerhin von 37% der Angestellten wahrgenommen wird (2024), mit dem traditionellen Arbeitsverhalten des Salaryman verbunden.

Noch wichtiger ist aber der Wunsch der jüngeren Generationen, nach einer besseren Balance zwischen Arbeit und Freizeit bzw. Privatleben. Dies geht nicht nur auf Kosten der traditionell den Salaryman mit Opferbereitschaft für sein Unternehmen, sondern führt auch dazu, dass junge Arbeitnehmer sich vermehrt dazu entschließen, Freelancing oder Nebenjobs („fukugyō“) zu machen.

Auch die Gründung oder eine Anstellung bei einem Start-Up liegen im Trend.

Insgesamt führt dieser Wertewandel hin zu „Effizienz und Selbstverwirklichung“ statt „Loyalität und Präsenz“ auch insgesamt zu einer Arbeitszeitreduktion von im Schnitt 1,5 Stunden pro Woche seit 2019.

In demselben Jahr wurden von der japanischen Regierung auch die Initiativen für eine bessere Work-Life Balance angeschoben, die eine gewisse Anzahl von Urlaubstagen vorschreibt und die monatliche Überstundenzahl deckelt. In den letzten Jahren übernimmt zudem der Einsatz von KI mehr und mehr der anfallenden Routineaufgaben in den großen Unternehmen, die zuvor von den Salaryman erledigt werden mussten.

 

Der Salaryman in Popkultur und Medien

Der Salaryman in der japanischen Popkultur und den Medien häufig das Symbol für gesellschaftliche Routine und Müdigkeit und tritt häufig in Dramen, Mangas und Satiren auf.

Ikonische Werke, die den Salaryman im Zentrum haben, sind die Manga-Serie „Salaryman Kintarō“ (1994–2002), der Film „Tokyo Sonata“ (2008) sowie die Manga-Serie „Shinya Shokudō“ (2006 bis heute).

Die Darstellung des Salaryman ist dabei abhängig vom Kontext der Erzählung und kann von einer Heldenfigur in der Wirtschaftswunderzeit bis hin zum tragischen Antihelden reichen. Dabei sind auch kritische Satiren nicht unüblich, die versuchen, Überarbeitung, Einsamkeit und die festgefahrenen Geschlechterrollen zu entlarven.

Neben der Spiegelung sozialer Frustration durch popkulturelle Parodien nutzt insbesondere die Werbung in Japan den Salaryman nach wie vor gerne als Sinnbild für Verlässlichkeit und Identifikationsfigur der Mittelschicht (z.B. in Werbespots der Firmen JR East und Asahi). Allerdings wandelt sich in Japan das Bild des Salarymans insgesamt immer mehr von einem Vorbild zu einem Relikt der alten bzw. veralteten Arbeitswelt.

 

Zukunft des Salaryman – Gibt es ihn in dieser Form noch?

Die Zukunft des Salaryman ist ungewiss. Noch gibt es Legionen dieser Angestellten, aber der Wandel der Mentalität der jungen Generationen und technologische Neuerungen wie der Einsatz von KI verändert die Arbeit und das Selbstverständnis der Angestellten nachhaltig.

Nicht nur wird weniger Wert auf eine lebenslange Festanstellung gelegt, sondern auch hybride Arbeitsmodelle werden üblicher und populärer, so dass die Unternehmen ihre Strukturen anpassen müssen. Eine Jobwechsel-Kultur existierte so immerhin in Japan zuvor fast nicht.

In eine ähnliche Richtung gehen auch die staatlichen Maßnahmen für eine bessere Work-Life-Balance, die inzwischen auch durch die Förderung von Mental-Health Programmen ergänzt werden. In Tokio läuft im Moment sogar ein Pilotprojekt zu einer 4-Tage Woche, an der mehrere Tech-Unternehmen und Behörden teilnehmen. Ziel ist dabei nicht nur eine bessere Balance zwischen Arbeit und Privatleben, sondern auch eine steigende Geburtenrate, die in Japan schon geradezu traditionell notorisch niedrig ist.


Insgesamt verliert der Salaryman so zwar nach und nach seine gesellschaftliche Dominanz, bleibt aber ein kulturell prägendes Symbol und ein kulturelles Erbe, das für den Wandel Japans in der Nachkriegszeit sowie die Transformation in die Zukunft steht. Ganz aussterben wird diese Figur daher in näherer Zukunft wohl eher nicht, aber die Rolle, das Selbstverständnis und wohl auch die Arbeitsethik werden sich ändern, wenn sie dies nicht schon getan haben.

 

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Über die Redaktion von Japanwelt

Unser Redaktionsteam teilt seine Leidenschaft für japanische Kultur, Design und Lebensart. Viele unserer Mitarbeiter reisen regelmäßig nach Japan, um neue Inspirationen, Produkte und kulturelle Eindrücke zu sammeln. In unseren Artikeln verbinden wir fundiertes Wissen mit authentischen Einblicken – für alle, die Japan entdecken oder ein Stück davon nach Hause holen möchten.

E-E-A-T · Quellenbasiert · Zuletzt aktualisiert: 09.08.2026

 

 

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