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Diese lustigen japanischen Wörter sind so speziell, dass es sie in keiner anderen Sprache gibt

Kuriose japanische Wörter: Haben Sie schon einmal ein Buch gekauft, das seit Monaten ungelesen im Regal liegt? Oder sich heimlich nicht bewegt, weil es an der Tür geklingelt hat und Sie gerade keinen Besuch wollten? Vielleicht haben Sie auch schon aus Langeweile genascht, obwohl Sie längst satt waren. Für all diese kleinen, oft ziemlich menschlichen Eigenheiten gibt es im Japanischen eigene Wörter.

Die japanische Sprache hat eine erstaunliche Gabe: Sie gibt Situationen einen Namen, die wir alle kennen, aber selten bewusst wahrnehmen. Viele dieser witzigen Begriffe lassen sich kaum übersetzen, weil es in anderen Sprachen kein passendes Wort dafür gibt. Manche sind skurril, manche überraschend treffend – und einige werden Sie wahrscheinlich dabei ertappen, dass Sie sie selbst schon erlebt haben.

Kommen Sie mit auf eine Reise durch die Welt der japanischen Wörter, bei denen man unweigerlich denkt: „Warum haben wir dafür eigentlich kein eigenes Wort?“

 

Warum gibt es im Japanischen so viele besondere Begriffe?

Die japanische Kultur legt großen Wert auf Details, Zwischentöne und soziale Situationen. Wo andere Sprachen mit einem Satz erklären müssen, genügt im Japanischen oft ein einziges Wort.

Gerade alltägliche Gewohnheiten, kleine Marotten oder zwischenmenschliche Situationen haben im Japanischen häufig einen eigenen Namen bekommen. Das macht die Sprache nicht nur präzise, sondern auch unglaublich unterhaltsam und witzig.

Denn wer diese Begriffe kennenlernt, merkt schnell: Eigentlich bräuchten wir sie auch im Deutschen.

 

Tsundoku (積ん読) – Bücher kaufen und ungelesen stapeln

Sie betreten eine Buchhandlung, entdecken ein interessantes Buch und nehmen es mit nach Hause. Dort landet es auf einem Stapel neben vielen anderen Büchern, die Sie „irgendwann einmal“ lesen möchten.

Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, leiden Sie möglicherweise an Tsundoku.

Der Begriff beschreibt die Angewohnheit, Lesestoff zu kaufen und ihn ungelesen anzusammeln. Besonders Bücherliebhaber dürften sich in diesem Wort sofort wiederfinden.

 

Yoisho (よいしょ) – Das Geräusch der Anstrengung

Eine schwere Kiste hochheben. Sich nach einem langen Tag auf das Sofa fallen lassen. Oder aus dem Sessel aufstehen.

Fast automatisch entweicht dabei ein kleines „Hach“ oder „Uff“.

In Japan heißt dieses Geräusch Yoisho. Eigentlich hat das Wort keine konkrete Bedeutung, aber jeder versteht sofort, was gemeint ist. Man könnte fast sagen: Es ist die universelle Sprache der Anstrengung.

 

Nekojita (猫舌) – Die Katzenzunge

Manche Menschen warten geduldig, bis der Kaffee endlich abgekühlt ist. Andere pusten minutenlang auf ihre Suppe.

Für sie gibt es in Japan das Wort Nekojita, wörtlich „Katzenzunge“.

Der Begriff beschreibt Menschen, die empfindlich auf heiße Speisen und Getränke reagieren. Die Vorstellung dahinter ist charmant: Auch Katzen mögen ihr Futter lieber nicht zu heiß.

 

Kuchisabishii (口寂しい) – Essen, obwohl man gar keinen Hunger hat

Eigentlich sind Sie satt. Trotzdem greifen Sie noch zu einem Keks. Oder zu einem Stück Schokolade. Und plötzlich ist die ganze Packung leer.

Dieses Phänomen heißt in Japan Kuchisabishii – „ein einsamer Mund“.

Es beschreibt das Bedürfnis, etwas zu essen, obwohl gar kein echter Hunger vorhanden ist. Ein erstaunlich treffendes Wort für eine Situation, die wohl viele kennen.

 

Boketto (ぼけっと) – Einfach ins Leere starren

Sie sitzen am Fenster, schauen hinaus und verlieren sich in Ihren Gedanken. Fünf Minuten später stellen Sie fest, dass Sie eigentlich etwas ganz anderes machen wollten.

Dieses gedankenverlorene Vor-sich-hin-Schauen nennt man in Japan Boketto.

Und manchmal sind genau diese kleinen Momente des Nichtstuns die angenehmsten des Tages.

 

Junge Frau blickt mit einer Tasse in der Hand gedankenverloren aus dem Fenster – ein Sinnbild für das japanische Wort Boketto
Manchmal die schönste Zeit des Tages – Boketto, die Gedanken einfach schweifen lassen und nichts tun. Foto © TheVisualsYouNeed

 

Kusukusu (くすくす) – Unterdrücktes Kichern

Jemand macht einen kleinen Witz oder lässt einen kleinen Spruch fallen -  und schon geht das Kusukusu los. Kein lautes Lachen, sondern ein unterdrücktes und damit erst recht ansteckendes Kichern.

Kusukusu gehört zu den vielen lautmalerischen Begriffen der japanischen Sprache und klingt fast genauso wie das Geräusch, das es beschreibt.

 

Pekopeko (ぺこぺこ) – Sich immer wieder verbeugen

Wer Japan besucht, merkt schnell: Verbeugen gehört dort fast zum Alltag wie bei uns das Händeschütteln. Bei Pekopeko bleibt es allerdings nicht bei einer einzigen höflichen Verbeugung. Der Kopf geht gleich mehrmals auf und ab – etwa nach dem Motto: „Entschuldigung! Wirklich! Ganz ehrlich! Es tut mir furchtbar leid!“

Besonders nach einem Missgeschick kann daraus beinahe ein kleines Verbeugungs-Workout werden. Der lautmalerische Begriff Pekopeko beschreibt genau dieses wiederholte, eifrige und manchmal fast unterwürfige Verbeugen.

Für europäische Beobachter wirkt das schnell ein wenig komisch – in Japan zeigt es jedoch, wie ernst Höflichkeit, Respekt und eine aufrichtige Entschuldigung genommen werden.

 

Yokomeshi (横飯) – Der Stress beim Sprechen einer Fremdsprache

Wer eine Fremdsprache spricht, kennt das Gefühl: Das Gehirn arbeitet auf Hochtouren und selbst einfache Sätze kosten plötzlich viel Energie.

In Japan gibt es dafür das wunderbare Wort Yokomeshi, wörtlich „seitlich gegessene Mahlzeit“.

Die Vorstellung dahinter ist, dass etwas, das nicht auf die gewohnte Weise geschieht, anstrengender ist – genauso wie das Sprechen in einer fremden Sprache.

 

Noroke (惚気) – Vom Partner schwärmen

Manche Menschen erzählen bei jeder Gelegenheit, wie großartig ihr Partner ist. In Japan nennt man dieses Verhalten Noroke.

Es beschreibt liebevolles Schwärmen, manchmal aber auch ein wenig Prahlen mit der eigenen Beziehung. Vermutlich kennt jeder jemanden, der regelmäßig in den Noroke-Modus verfällt.

 

Nekama (ネカマ) – Im Internet eine andere Identität annehmen

Das Internet hat seine ganz eigenen Phänomene hervorgebracht.

Nekama bezeichnet einen Mann, der sich online als Frau ausgibt. Der Begriff entstand bereits in den frühen Tagen japanischer Internetforen und wird bis heute verwendet.

Ein gutes Beispiel dafür, wie schnell die japanische Sprache neue gesellschaftliche Entwicklungen in eigene Begriffe verwandelt.

 

Irusu (居留守) – So tun, als wäre man nicht zu Hause

Unangekündigter Besuch ist für manche eine Freude – für andere der Beginn einer spontanen Tarnmission. Sobald es klingelt, wird der Fernseher leiser gestellt, das Licht gedimmt und auf Zehenspitzen gegangen.

Im Japanischen heißt dieses Verhalten Irusu: Man ist zu Hause, tut aber so, als wäre niemand da. Ein erstaunlich genaues Wort für den Moment, in dem man die eigene Wohnung kurzerhand zum Versteck erklärt.

 

Tachiyomi (立ち読み) – In der Buchhandlung lesen, ohne etwas zu kaufen

Fast jeder hat es schon einmal getan: Man nimmt ein Buch aus dem Regal, liest ein paar Seiten – und stellt es anschließend wieder zurück.

In Japan gibt es dafür das Wort Tachiyomi, wörtlich „Steh-Lesen“. Der Begriff ist so verbreitet, dass viele Buchhandlungen eigens Bereiche eingerichtet haben, in denen das kurze Hineinlesen akzeptiert wird.

 

Besucher einer japanischen Buchhandlung liest im Stehen zwischen hohen Bücherregalen – ein Beispiel für das japanische Wort Tachiyomi

Ein typischer Tachiyomi, „Steh-Leser“ - die es bei Weitem nicht nur in Japan gibt. Foto © phuongphoto

 

Arigata-meiwaku (ありがた迷惑) – Gut gemeint, aber trotzdem lästig

Jemand räumt ungefragt Ihre Küche um, erklärt Ihnen ausführlich eine Aufgabe, die Sie längst beherrschen, oder „repariert“ etwas, das vorher noch funktioniert hat. Natürlich war alles nur gut gemeint – und genau deshalb bedankt man sich auch noch höflich, während man innerlich bereits den Rückbau plant.

Für solche Situationen gibt es im Japanischen Arigata-meiwaku: eine Hilfe, für die man dankbar sein sollte, die aber eigentlich nur zusätzliche Arbeit oder Ärger verursacht. Sinngemäß bedeutet der Ausdruck „dankbare Belästigung“ – und beschreibt damit perfekt jene Hilfsangebote, bei denen ein freundliches „Vielen Dank“ und ein stilles „Bitte nie wieder“ erstaunlich gut zusammenpassen.

 

On-nomi (オンライン飲み) – Gemeinsam online etwas trinken

Während der Pandemie entstanden viele neue Gewohnheiten. Eine davon war das virtuelle Treffen mit Freunden bei einem Getränk. Jeder sitzt zu Hause vor dem Bildschirm, hält sein eigenes Glas in die Kamera und prostet den anderen mit leichter Zeitverzögerung zu.

In Japan bekam dieses Phänomen sogar einen eigenen Namen: On-nomi, also „Online-Trinken“. Der Begriff zeigt, wie flexibel und kreativ die japanische Sprache auf neue Entwicklungen reagiert.

 

Nito-onna (ニット女) – Die Frau im Strickpulli

Eine Bluse muss gewaschen, getrocknet, gebügelt und am nächsten Morgen möglichst faltenfrei gefunden werden. Dafür hat die Nito-onna schlicht keine Zeit.

Sie greift lieber zum Strickpullover: anziehen, gut aussehen, fertig. Kein Bügelbrett, kein Dampf und kein hektischer Versuch, eine zerknitterte Bluse mit dem Föhn zu retten.

Hinter dem etwas humorvollen Ausdruck steckt auch ein kleiner gesellschaftlicher Kommentar zur japanischen Arbeitswelt und ihren hohen Anforderungen.

 

Dappou-neeto (脱法ニート) – Der „legale Arbeitslose“

Der Begriff Dappou-neeto beschreibt Menschen, die zwar keinen klassischen Vollzeitjob haben, aber durch Gelegenheitsarbeiten, Nebenjobs oder kreative Tätigkeiten irgendwie über die Runden kommen.

Wörtlich könnte man ihn als „legalen Nichtstuer“ übersetzen. Natürlich ist das meist augenzwinkernd gemeint. Der Ausdruck spielt mit der Vorstellung, sich geschickt um das traditionelle Arbeitsleben herumzumanövrieren.

 

Kuchi-biru dorobō (唇泥棒) – Lippen-Dieb

Jemand hat so leckeres Essen gekocht, dass man unbedingt noch einen Bissen möchte? In Japan könnte man scherzhaft sagen, die Person sei ein Kuchi-biru dorobō, ein „Lippen-Dieb“.

Der Ausdruck wird für Speisen verwendet, die so gut schmecken, dass sie einem buchstäblich die Lippen „stehlen“, weil man immer weiteressen möchte.

 

Madogiwa-zoku (窓際族) – Der Fensterplatz-Stamm

Als Madogiwa-zoku, die „Fensterplatz-Truppe“, bezeichnet man in Japan Angestellte, die zwar noch im Unternehmen beschäftigt sind, aber keine wichtigen Aufgaben mehr erhalten.

Statt im Mittelpunkt zu stehen, sitzen sie sprichwörtlich am Fenster und verbringen ihre Zeit damit, aus dem Büro hinauszuschauen. Der Begriff entstand während der japanischen Wirtschaftskrise und wird bis heute mit einem gewissen schwarzen Humor verwendet.

 

Age-otori (上げ劣り) – Nach dem Friseurbesuch schlechter aussehen als vorher

Sie kommen mit einer klaren Vorstellung zum Friseur und verlassen den Salon mit einer Frisur, die offenbar ein Eigenleben entwickelt hat. Im Spiegel lächeln Sie noch höflich, draußen beginnt bereits die Suche nach einer Mütze.

Genau dafür gibt es im Japanischen Age-otori: nach dem Friseurbesuch schlechter auszusehen als vorher. Ein erstaunlich ehrliches Wort für den Moment, in dem „nur ein bisschen kürzer“ plötzlich sehr viel kürzer geworden ist – und Sie sich fragen, ob Haare wirklich schnell nachwachsen.

 

Bakkushan (バックシャン) – Von hinten schön

Von hinten wirkt die Person wie der Star einer Shampoo-Werbung: perfekte Haare, tolle Haltung, eleganter Gang. Dann dreht sie sich um – und die Fantasie muss ihre Erwartungen noch einmal neu sortieren.

Für genau diesen Moment gibt es im Japanischen Bakkushan. Gemeint ist eine Person, die von hinten besonders attraktiv wirkt, von vorn jedoch nicht ganz das Bild erfüllt, das man sich bereits ausgemalt hat.

Ein wenig gemein ist der Ausdruck natürlich schon – aber auch erstaunlich präzise für jene Fälle, in denen der erste Eindruck besser einfach der letzte geblieben wäre.

 

Was diese Wörter über Japan verraten

Die japanische Sprache zeigt eine große Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge des Lebens. Selbst unscheinbare Situationen, die in anderen Ländern oft namenlos bleiben, bekommen in Japan ihren eigenen Begriff.

Gerade deshalb wirken viele dieser Wörter so sympathisch und witzig.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Begriffe so viel Spaß machen: Man lernt nicht nur neue Wörter, sondern erkennt sich selbst gleich mit. Und Hand aufs Herz – sind Sie eher Tsundoku, Kuchisabishii oder doch ganz eindeutig Irusu?

 

 

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Titelfoto © HelloUG, depositphotos

 

 

 

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