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Sumō Ringen – Leitfaden für Japans Nationalsport

Sumō Ringen erscheint uns Europäern auf den ersten Blick recht bizarr: zwei riesige, spärlich bekleidete Kämpfer stoßen sich gegenseitig in einem Ring herum. Nach unzähligen einleitenden Ritualen ist der eigentliche Kampf oft in Sekundenschnelle vorbei. Doch sobald man die Regeln, die Philosophie und Geschichte hinter Japans Nationalsport kennenlernt, kann man sich der Faszination dieses einzigartigen Sport-Spektakels und der oft weltweit berühmten Sumo Kämpfer kaum mehr entziehen.

Sumō (相撲, sumō) ist ein japanischer Ringkampf-Stil und Japans unbestrittener Nationalsport. Der Kampfsport Sumo entstand der Legende nach bereits in der Antike zur Unterhaltung und verschiedener Shinto-Gottheiten (Kami). Viele Rituale haben bis heute einen religiösen Hintergrund, wie zum Beispiel die symbolische Reinigung des Rings mit Salz. Traditionell wird der Sport in Japan nur von Männern professionell ausgeübt. Die Sumo-Kämpfer versuchen sich gegenseitig aus dem Ring (Dohyo) zu zwingen. Der Kämpfer, der als erster den Boden berührt (außer mit den Fußsohlen) oder aus dem Ring gezwungen wird, verliert.

 

Die Geschichte des Sumō

Sumō hat seine Wurzeln in einem bäuerlichen Ritualtanz des Shinto. Die mächtigsten Männer zeigten ihre Stärke vor den Kami (Göttern oder Geistern) als Zeichen des Respekts und der Dankbarkeit für eine gute Ernte.

Der erste dokumentierte Ringkampf fand bereits im Jahr 23.v. Chr. statt. Bis ins Mittelalter endeten die Sumō Kämpfe erst mit dem Tod eines der Kämpfer.

In der Edo-Zeit (1603 – 1868) professionalisierten sich die Sumōringer aus den Reihen der Amateure. Zu dieser Zeit entwickelte sich die offizielle Sumō-Organisation, die noch bis heute besteht. Auch die meisten Rituale und Regeln des Sumo entstanden damals. Die besten Kämpfer erlangten schnell Berühmtheit, Sumo wurde in ganz Japan überaus populär.

 

 Sumo Kampfsport historisch Traditionen

Historische Aufnahme eines Sumō Kampfes von 1870
Foto © The New York Public Library on Unsplash

 

Die Sumō Rangliste

Die Sumōringer sind als Rikishi (力士 „Stärke“ und „Krieger“) oder Sumōtori (相撲取, Sumo-Kämpfer) bekannt. Es gibt etwa 650 Rikishi in den sechs Sumo-Divisionen: Maku-uchi, Juryo, Makushita, Sandame, Jonidan und Jonokuchi.

Die Maku-uchi (die höchste Spielklasse mit den 42 besten Rikishi) erhalten naturgemäß die größte mediale Aufmerksamkeit. An der Spitze steht der Yokozuna, der Großmeister. Diese Position wird normalerweise erreicht, indem man zwei Hon-Basho (große Turniere, die die Rangliste bestimmen) in Folge gewinnt.

Die sechs Hon-Basho pro Jahr finden alle zwei Monate statt und dauern jeweils 15 Tage. Die Rikishi aus den beiden Top-Divisionen (gemeinsam als Sekitori bekannt) kämpfen an jedem der großen Tourniertage.

Bis heute gab es in der Geschichte des Sumō Sports nur 72 Yokozuna (Großmeister), was eine Vorstellung gibt, wie schwierig es ist, diesen Rang zu erreichen. Ein Yokozuna kann niemals degradiert werden. Sobald er die sportlichen Voraussetzungen aus Alters- oder gesundheitlichen Gründen nicht mehr erfüllen kann, wird vom ihm erwartet, dass er sich zurückzieht.

Die Liste der Yokozuna reicht bis ins Jahr 1600 zurück, damals wurde dem Kämpfer Akashi Shiganosuke erstmals der Rang eines Yokozuna verliehen. Momentan gibt es nur einen Großmeister, Terunofuji Haruo amtiert seit 2021. Im letzten Jahr zog sich der überaus respektierte Kakuryū Rikisaburō nach fast acht Jahren zurück.

 

Die Kleidung

Am bekanntesten dürfte der (äußerst spärliche) Gürtel oder Lendenschurz, der Mawashi sein. Der ca. neun Meter lange Gürtel aus Seide wird rückseitig verknotet. Durch die vielen Lagen kann der Mawashi bis zu fünf Kilogramm wiegen. Die Maße sind unabhängig von der Kleidergröße der Sumo Kämpfer immer gleich und müssen eine vorgeschriebene Festigkeit vorweisen.

Der Mawashi spielt beim Sumo Kampf eine wichtige Rolle. Während der Kämpfe greift der Ringer nach dem Mawashi des Gegners, er bietet für viele der 82 Siegtechniken (Kimarite) den besten Angriffspunkt.

Trainings-Mawashi unterscheiden sich nur im Material, diese Mawashi sind aus Baumwolle. Offiziell sind nur schwarze, violette und dunkelblaue Mawashi erlaubt. Nur die Kämpfer der beiden oberen Klassen Sekitori (関取) tragen weiße Gürtel.

Charakteristisch stecken die Sumo Kämpfer ihr Haar in einen Haarknoten oder „Chonmage“. Dazu wird spezielles Wachs täglich von Sumo-Friseuren (Tokoyama) aufgetragen. Sobald ein Wrestler einem Stall beitritt, muss er sein Haar wachsen lassen, um die Chonmage tragen zu können.

Auch außerhalb der Turniere und Trainings tragen Sumoringer im täglichen Leben ausschließlich traditionelle japanische Kleidung.

 

Die Zeremonie vor dem Kampf

Die überaus aufwändige Zeremonie vor dem eigentlichen Sumō-Kampf kann für den Zuschauer genauso faszinierend sein kann wie der Kampf selbst.

Am Tag vor jedem großen Turnier findet im Dohyō (土俵), eine Plattform mit einem Durchmesser von 4,55 Metern, eine aufwändige Reinigungszeremonie statt, um für die Sicherheit der Rikishi zu bitten. Dazu werden gereinigter Reis, getrocknete Kastanien, Seetang oder Tintenfische und Muskatnüsse als Opfergaben für die Götter in ein kleines Loch in der Mitte des Rings geworfen.

Zu Beginn betreten die Rikishi das Dohyō von Osten und Westen, wobei die östlichen Rikishi zuerst eintreten. Dabei wird das bekannte Shiko-Ritual ausgeführt. Das ist das markante Heben und Stampfen mit den Beinen, das sicherlich jeder kennen dürfte.

Shiko ist aber mehr als nur Aufwärmen. Das Klatschen der Hände soll die Aufmerksamkeit der Götter erregen, das Heben der Arme zum Himmel soll zeigen, dass sie keine Waffen tragen. Das berühmte Heben und Stampfen der Beine dient dazu, alle anwesenden bösen Geister zu zerquetschen.

Nach dem Shiko Ritual verlassen die Rikishi den Kreis und reinigen sich. Das erste Ritual ist das Chikara-mizu („Kraftwasser“). Jeder Rikishi erhält dieses Wasser von dem Gegner, den er zuletzt besiegt hat. Wie beim Reinigungsprozess in Schreinen und Tempeln nimmt jeder Rikishi eine Handvoll Wasser und spült sich damit den Mund.

Als nächstes wirft der Kämpfer eine Handvoll Kiyome-no-Shio (Reinigungssalz) über den Ring, bevor sie den Dohyo betreten.

 

Der Sumō Kampf

Sobald der Kampfrichter (Shinpan, 勝負審判) das Signal zum Beginn des Kampfes gibt, duckt sich jeder Rikishi hinter einer weißen Startlinie (Shikirisen, 仕切り) auf seiner Hälfte des Rings. Der Kampf beginnt, wenn beide Kämpfer mit geballten Fäusten auf oder hinter ihrer Linie ruhen.

 

 Sumo Kampf Rituale

Der eigentliche Sumō Kampf dauert oft nur einige Sekunden.
Foto © Bob Fisher, Unsplash

 

Die Momente vor dem Kampf können unglaublich angespannt sein. Die Rikishi gehen oft für ein paar Sekunden in die Hocke und warten vorsichtig darauf, was ihr Gegner tut, bevor sie wieder aufstehen, um sich noch einmal zu sammeln.

Die ersten paar Sekunden entscheiden oft über den Sieger, darum sind die Aktionen vor dem Kampf oft die intensivsten Momente und voller Hochspannung. Die Kämpfe selbst dauern in der Regel nur einige Sekunden.

 

Dabei ist die Position der Hocke entscheidend. Nachdem sich die Kämpfer einander gegenübergestellt haben, führen sie eine tiefe Kniebeuge durch. ohne die Füße vom Boden zu nehmen, bewegen sie sich dann nach vorne in eine kopfüber geduckte Position, während sie sich auch auf einer oder zwei Fäusten abstützen.

Diese Position ermöglicht den Kämpfern eine effizientere Haltung einzunehmen und ihre Muskeln aufzuladen und vorzuspannen. Nur so können sie aufzuspringen und den Gegner wirksam angreifen, sobald der Ringrichter (Gyōji) den Beginn des Kampfes signalisiert. Ein erfolgreicher Angriff ist der entscheidende Faktor für den Sieg.

Offiziell gibt es 82 Techniken namens Kimari-te (決まり手entscheidende Hand“), mit denen ein Rikishi den Kampf gewinnen kann (zB Push-out, Neck Throw, etc.).

Die Grundregel lautet: Wenn irgendein Körperteil des Kampfers, außer den Füßen, den Boden berührt oder ein Kämpfer den Ring verlässt, ist das Spiel vorbei und der Gegner wird zum Sieger erklärt.

Sobald ein Gewinner feststeht, gehen die Rikishi zu den beiden Seiten des Rings und verbeugen sich voreinander. Keiner der Kämpfer sollte hierbei Emotionen zeigen. Danach verlässt der besiegte Rikishi den Ring und der Shinpan erklärt offiziell den Gewinner. Jedem Spiel geht ein weiteres aufwändiges zeremonielles Ritual voraus.

Im professionellen Sumō gibt es keine Gewichtsklassen. So kann es vorkommen, dass ein Kämpfer einem Gegner gegenübersteht, der doppelt so schwer ist. Mit besserer Technik können kleinere Kämpfer jedoch auch viel größere Gegner kontrollieren und besiegen.

 

Sumo Kämpfer Technik

Typischer Ritus vor Beginn eines Kampfes
Foto © Alessio Roversi, Unsplash

 

Leben der Sumō Kämpfer

Ein Sumō-Ringer führt ein sehr reglementiertes Leben, auch im privaten Bereich. Der japanische Sumō-Verband schreibt das Verhalten seiner Kämpfer bis ins kleinste Detail vor. Ein Verstoß gegen die Regeln kann zu Geldstrafen oder Suspendierungen sowohl für den Ringer als auch für seinen Vorgesetzten (Stallmeister) führen.

Sobald ein Sumōtori in einen Sumo-Stall eintritt, wird von ihm erwartet, dass er sich die Haare lang wachsen lässt, um die traditionelle Frisur Chonmage zu tragen. Ab dann müssen die in der Öffentlichkeit stets ihren Haarknoten und ihre traditionelle japanische Kleidung tragen, damit sie sofort als Sumōtori erkannt werden können. Die Art und Qualität der Kleidung hängt vom Rang des Kämpfers ab.

Die Junior- Rikishi müssen frühestens gegen 5 Uhr morgens zum Training aufstehen, während die höherrangigen (Sekitori) erst gegen 7 Uhr morgens beginnen dürfen. Wenn die anderen Sekitori trainieren, haben die Junior-Kämpfer verschiedene Aufgaben zu erledigen, z. B. Kochen des Mittagessens, Putzen und beim Vorbereiten des Bades zu helfen. Junioren halten sogar das Handtuch eines Sekitori oder wischen ihm den Schweiß ab.

Die Rangordnung wird für die Reihenfolge beim Baden nach dem Training und beim Essen des Mittagessens beibehalten.

Sumō-Kämpfer dürfen normalerweise nicht frühstücken und es wird erwartet, dass sie nach einem großen Mittagessen ein Siesta-ähnliches Nickerchen machen. Die am häufigsten servierte Art des Mittagessens ist die traditionelle Sumo-Mahlzeit Chankonabe, einem Eintopf mit verschiedenen Fischen, Fleisch und Gemüse, der am Tisch zubereitet wird. Chankonabe wird normalerweise mit Reis gegessen und mit Bier heruntergespült. Dies soll Wrestlern helfen, viel Gewicht zuzunehmen, um einen Kampfvorteil zu erzielen.

 

Sumo Tournier in Tokio Stadviertel

Ein Erlebnis für jeden Japan-Reisenden: Sumo-Wettkämpfe im berühmten Kokugikan-Stadion in Ryogoku, Tokio
Foto © 
Ryan MiglinczyUnsplash

 

Am Nachmittag haben die Junioren wieder Putz- oder andere Aufgaben, während ihre Sekitori-Kollegen sich entspannen oder mit der Kommunikation mit ihren Fanclubs befassen können. Jüngere Kämpfer nehmen ebenfalls am Unterricht teil, obwohl sich ihre Ausbildung vom typischen Lehrplan ihrer Nicht-Sumo-Kollegen unterscheidet.

Abends können Sekitori mit ihren Sponsoren ausgehen, während die Junior-Wrestler im Allgemeinen zu Hause im Stall bleiben, es sei denn, sie begleiten den Stallmeister oder einen Sekitori als Tsukebito (付け人).

Ein Tsukebito für ein hochrangiges Mitglied des Stalls zu werden, ist eine typische Pflicht für einen Junioren. Ein Sekitori kann mehrere Tsukebito haben, abhängig von der Größe des Stalls oder in einigen Fällen abhängig von der Ranggröße des Sekitori.

Die Sekitori erhalten ein eigenes Zimmer im Stall oder können wie verheiratete Ringer in eigenen Wohnungen leben. Die Nachwuchs-Kämpfer schlafen in Gemeinschaftsunterkünften.

Die Welt der Sumō-Kämpfer ist weit gespalten zwischen den Junior-Ringern, die dienen, und den Sekitori, die bedient werden. Besonders hart ist das Leben für Neueinsteiger, denen meist die schlechtesten Jobs zugeteilt werden, die Abbrecherquote in dieser Phase ist traditionell hoch.

Wie viel verdient ein Sumoringer?

Sumo-Kämpfer bekommen zwischen 1,1 und 3 Millionen Yen (9.500 bis 24.500 Euro) pro Monat bezahlt, wenn sie in einer Rangliste stehen. Top-Sumo-Ringer können jedoch zusätzlich bis zu 10 Millionen Yen (knapp 90.000 Euro) in einem Großtournier gewinnen, zusätzlich zu den sogenannten „Tausend-Doller-Boni“, die sie aufgrund ihrer Leistung in einem Match verdienen können.  

 

 

 

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Titelfoto © Alessio Roversi, Unsplash

 

 

 

 

 

 

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