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Ikigai oder das Glück im Alltag - mehr Sinn im Leben finden

Japan ist ja sowieso dafür bekannt, dass seine Einwohner eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung haben. Noch einmal getoppt wird dieses Phänomen von den Einwohnern der so genannten „Insel der Hundertjährigen“. Die zur Yaeyama Inselgruppe gehörende, eigentlich Taketomi genannte Insel ist Teil der Präfektur Okinawa im äußersten Süden Japans.

Insel der Hundertjährigen
Auf Okinawa werden die Menschen weltweit am ältesten. - Bild: © maru0522 - wikimedia

Das heißt: Sonne satt, Palmen, Strände, an denen man fast das ganz Jahr über Baden kann und natürlich steht ganz viel Fisch auf dem Speiseplan – wie in ganz Japan. Man kann davon ausgehen, dass auf den Yaeyama-Inseln verschiedene positive Faktoren zusammenkommen, die das hohe Lebensalter der Bewohner positiv beeinflussen.

Da ist das gute, sonnige Wetter, die gesunde Ernährung und wenig bis kaum Stress, wie er sonst insbesondere in japanischen Großstädten und Metropolen vorzufinden ist. Gerade letzteres hat aber auch mit der inneren Einstellung zu tun, was uns zu Ikigai (生き甲斐; zu deutsch: Lebenssinn) bringt, einer japanischen Lebensphilosophie, die gerade dem nordischen Hygge Konkurrenz zu machen beginnt.

 

Ikigai – den Sinn des eigenen Lebens erkennen

Wörtlich übersetzt bedeutet Ikigai „lebenswert“, von „iki“ für Leben und „gai“ für Wert. Im Zentrum dieser Lebensphilosophie in ihrer heutigen Ausprägung steht das „Hier und Jetzt“ und die Suche nach dem, was für jeden ganz individuell das Leben lebenswert macht. Ikigai sieht in diesem Suchen und Finden des eigenen „Sinn des Lebens“ den Weg zu einem glücklichen und zufriedenen Leben. Natürlich ist es aber alles andere als leicht, mal so eben den eigenen, ganz individuellen Lebenssinn herauszufinden. Die Suche nach Ikigai erfordert Geduld und viel Selbstreflexion. Im Zentrum der Suche stehen dabei vier Punkte, die man für sich beantworten soll bzw. muss, um den eigenen Lebenssinn zu finden:

  1. Etwas, das du liebst (Leidenschaft)
  2. Etwas, das die Welt von dir braucht (Aufgabe)
  3. Etwas, worin man gut ist oder Talent hat (Berufung)
  4. Etwas, mit dem man Geld verdienen kann (Beruf)
Lebenssinn finden
Findet man sein Ikigai, bewirkt es ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit. - Bild: © mohamed Hassan - Pixabay

Die vier Felder Leidenschaft, Aufgabe, Berufung und Beruf bilden die Grundlage, aber erst aus ihrer Mischung bildet sich der Weg zur Zufriedenheit, einem lebenswerten Leben und dem persönlichen Sinn. In Ratgebern zu Ikigai werden zusätzlich zu jedem der vier Punkte einzelne Fragen gestellt, durch deren Auskunft man der Beantwortung des jeweiligen Feldes für sich nahekommt. Natürlich kennt Ikigai in seiner heutigen Form auch noch weitere Richtlinien oder Grundlagen, die es im Alltag auf Dauer umzusetzen gilt, um Zufriedenheit und Sinnhaftigkeit zu erreichen. Dazu gehören:

  • Sich Zeit für seine Träume nehmen
  • Aktiv bleiben
  • Dankbar sein, auch für die kleinen Dinge des Lebens
  • Sich mit Menschen umgeben, die man mag
  • Zeit in der Natur verbringen
  • Neugierig sein
  • Stress vermeiden so gut es geht
  • Fürsorglich mit sich selbst umgehen

Alles Richtlinien wie aus dem Bilderbuch zur Entschleunigung und Tipps, die auch ganz abgesehen von Ikigai ihre Wirkung entfalten. Nicht umsonst wird diese japanische Lebensphilosophie gerade jetzt bei uns im Westen entdeckt, wo Beschleunigung, Virtualität und mit dem allgegenwärtigen Smartphone die umfassende und ständige Kommunikation die beherrschenden Koordinaten im Leben der meisten Menschen sind.

 

Ikigai in Japan – eine Lebensphilosophie mit langer Tradition

Ikigai hatte nicht immer die Form, wie sie hier beschrieben wird und die man als modernes Ikigai bezeichnen könnte. Der Begriff Ikigai selber taucht zum ersten Mal im 14. Jahrhundert im japanischen Epos Taiheki (太平記, zu dt. „Geschichte des großen Friedens“) auf. Wieder aufgegriffen wurde Ikigai dann im Jahr 1912 vom japanischen Schriftsteller Natsume Sōsēki in dessen Erzählung Kōjin (行人), wo Ikigai – wie danach auch bis zum Ende des 2. Weltkrieges – vor allem auf Kaiser und Nation bezogen und in etwa mit Shinigai (死にがい, zu deutsch: das, wofür es sich zu sterben lohnt) gleichgesetzt wurde.

Erst in den 60er Jahren des 20 Jahrhunderts entwickelte sich Ikigai mit dem ständig wachsenden Lebensstandard und ökonomischem Aufschwung zu der Lebensphilosophie, wie sie heute auch bei uns propagiert wird. Grundsätzlich gibt es in Japan dabei zwei verschiedene Strömungen des Ikigai. Die einen stellen den „Lebenssinn“ auf die Basis von Ittaikan (一体感, zu deutsch: (Gruppen-)Zugehörigkeitsgefühl, Einssein mit der Gruppe), die anderen wiederum stellen Jiko Jitsugen (自己実現, zu deutsch: Selbstverwirklichung) ins Zentrum der Philosophie.

Gruppe von Freunden
Teil einer Gruppe zu sein macht glücklich und vermindert Stress. - Bild: © Helena Lopes - Unsplash

Im Westen wird ganz allgemein vor allem die Jiko Jitsugen Variante aufgegriffen, die sich besser für unsere hochindividualisierten, postmodernen Gesellschaften eignet. Auch in Japan ist Ikigai mit Jiko Jitsugen im Zentrum zumindest in Zeitschriften und Büchern auf dem Vormarsch. Eine Studie des amerikanischen Anthropologen Gordon Mathews aus den 1990er Jahren brachte hier aber eine gewisse Diskrepanz ans Licht, da viele der Befragten für sich gerade den Aspekt des Ittaikan als entscheidend für die eigene Zufriedenheit empfanden.

 

Ikigai und der Ruhestand

Die Japaner sind ja als fleißige Arbeiter und höchst loyale Angestellte bekannt. Das führt bis hin zu dem Phänomen, das sich ein Angestellter zu Tode arbeitet. Für etwas, was hierzulande fast unvorstellbar ist, haben die Japaner sogar einen eigenen Begriff entwickelt: Karōshi (過労死, zu deutsch: Tod durch Überarbeiten). Diese enge Identifizierung mit der Arbeit und dem Beruf führt im Umkehrschluss natürlich dazu, dass viele beim Eintritt in die verdiente Rente vor einem großen Loch stehen, das gefüllt werden muss. Einige japanische Unternehmen versuchen deshalb, älteren Mitarbeitern mit Ikigai-Trainings zu helfen, den eigenen Lebenssinn auch jenseits der Arbeit zu finden.

Zufrieden im Ruhestand
Fällt die Arbeit weg, muss man eventuell erneut auf die Suche nach Ikigai gehen. - Bild: © Huyen Nguyen - Unsplash

Auch wenn diese Maßnahmen umstritten sind, gilt die Suche nach Ikigai doch vor allem als eine ganz persönliche Angelegenheit, ist der Ansatz doch lobenswert und würde wohl auch manchem Workaholic hierzulande die Transition in den Ruhestand erleichtern.

 

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