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Hikikomori – warum immer mehr Japaner in sozialer Isolation leben

Hikikomori - Immer mehr Menschen in Japan entziehen sich der Gesellschaft, indem sie einfach zuhause bleiben – oft für Jahre oder gar Jahrzehnte. Hikikomori bedeutet „sich einschließen“ oder „gesellschaftlicher Rückzug“.

Das Phänomen wurde erstmals 1998 durch den japanischen Psychologen Tamaki Saitō beschrieben. Saitō erfasste vornehmlich eine Erscheinung unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich für Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und teils ihr Zimmer überhaupt nicht mehr verlassen.

Heute umfasst das Problem auch Altersgruppen jenseits der 40 und ist damit ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Sozialer Rückzug und ähnliche Symptome, die psychisch bedingt sind und zu einer Form der Isolation und der Minimierung der sozialen Kontakte führen, lassen sich auf der ganzen Welt und insbesondere in den Industrieländern beobachten. Die Häufigkeit und die sehr spezifische Ausprägung in Japan machen die Hikikomori (ひきこもり, 引き籠もり oder 引き篭り) aber zu einem spezifisch japanischen Symptom.

Die Angaben zur Häufigkeit und Anzahl der Hikikomori schwanken sehr stark und man muss insbesondere bei den eher vorsichtigen offiziellen Schätzungen mit einer hohen Dunkelziffer rechnen.

Da den Hikikomori wie so vielen anderen psychisch Erkrankten ein gewisses Stigma anhaftet, welches sich auch auf die Familie überträgt, schweigen viele Betroffene lieber.

Heute muss man von mindestens 1 Millionen Hikikomori in Japan ausgehen, von denen die meisten (75-80% je nach Schätzung) Männer sind. Die letzten offiziellen Zahlen sprechen von 540.000 Hikikomori im Alter zwischen 18 und 40 und ca. 613.000 Betroffenen zwischen 40 und 64. Gerade die Zahlen der Hikikomori über 40 waren auch für die offiziellen Stellen eine Überraschung.

 

Hikikomori in Japan
Ein Hikikomori in Japan, 2004 - Bild: © Di Francesco Jodice - Wikimedia*

 

Hikikomori – Krankheitsverlauf und typische Symptome

Das Hikikomori-Syndrom ist heute in Japan ein anerkanntes psychisches Krankheitsbild, auch wenn die feinen Abstufungen und unterschiedlichen Ausprägungen eine wirklich klare Definition deutlich erschweren. Das Dasein als Hikikomori beginnt meist schleichend mit einem langsamen Rückzug von sozialen Aktivitäten. Insbesondere unter Schülern und jungen Erwachsenen war das Problem zuerst gut zu beobachten, da diese einfach bei ihren Eltern weiterlebten.

Anders als bei den so genannten NEET (Not in education, employment or training: nicht in Ausbildung, Arbeit oder Training), die sich einer produktiven Rolle in der Gesellschaft verschließen, tritt bei den Hikikomori eine Angst vor sozialen Kontakten auf. Nicht selten schließen diese sich in ihr Zimmer ein und verlassen dieses teilweise gar nicht oder nur in Notsituationen.

Hikikomori sind dabei vor allem in der japanischen Mittelschicht häufig, bei denen die Eltern meist problemlos ein Kind auch über dessen Erwachsenwerden hinaus mitversorgen können.
Der klassische Verlauf der Erkrankung beginnt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit der Schulverweigerung (登校拒否, tōkōkyohi). Darauf folgt der Rückzug in das eigene Zimmer bis hin zum Einschließen in diesem.

Bei Erwachsenen, bei denen das Phänomen im Laufe ihres Erwerbslebens auftritt, fehlen bislang die geeigneten Untersuchungen und Daten, um einen Krankheitsverlauf sinnvoll nachzuzeichnen.

Die Ausprägungen können allerdings unterschiedlich extrem sein. Der soziale Kontakt zu allen außerhalb der engsten Familie reißt im Allgemeinen ab oder wird komplett über digitale Medien abgewickelt.
Manche Hikikomori verweilen nur relativ kurz in diesem Stadium (ab sechs Monate bis ein Jahr), während andere Jahrzehnte in fast totaler Isolation verbringen.

 

Schule, Gesellschaft, Veränderungen – mögliche Gründe für Hikikomori in Japan

Japan Teenager in Uniform
Japanische Teenager isolieren sich vor allem, um dem für die japanische Gesellschaft typischen Konformismus zu entkommen. - Bild: © Toyama - Wikimedia**

 

Auch wenn die Auslöser und Ursachen für das japanische Massenphänomen der Hikikomori wohl nie ganz ermittelt werden können, lassen sich natürlich einige Rückschlüsse und Vermutungen aus der historischen Entwicklung der japanischen Gesellschaft treffen.

Die rasend schnellen Hyper-Industrialisierung nach dem verlorenen Weltkrieg setzte die Unterordnung des Individuums als Garantie einer lebenslangen Festanstellung voraus. Die anhaltende Stagnation der Wirtschaft und vor allem die Globalisierung ab Mitte der 90er Jahre brachte den Bruch mit der Idee des Kollektivs. Heute wird in Japan der Individualismus als Lebensform immer stärker propagiert.

Hinzu kommt die stark ritualisierte und von vielen Tabus und Vorschriften gezeichnete japanische Gesellschaft, ein sehr forderndes Schulsystem, hoher Leistungsdruck und die Erwartungen der Familie.

Insbesondere bei den immer häufiger werdenden Einzelkindern erscheint diese Mischung aus Verwöhnen und Erwartung psychosozial schwierig, was allerdings auf alle hochentwickelten Industriegesellschaften zutrifft. Bei Erwachsenen Hikikomori mag der Gesichtsverlust (z. B. aufgrund einer Pleite oder Arbeitslosigkeit) mit ein Grund sein, der in einen Rückzug von der Gesellschaft mündet.

 

Therapieansätze zur Behandlung des Phänomens Hikikomori

Bei der hohen Anzahl der Betroffenen in Japan ist es kaum verwunderlich, dass nach möglichen Therapien für das Phänomen des sozialen Rückzugs und der Isolation gesucht wird. Bis heute haben sich dabei vor allem zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansätze herausgebildet, die als psychiatrischer und sozialpädagogischer Weg beschrieben werden können.

Beim psychiatrischen Ansatz wird das Hikikomori-Syndrom wie eine psychische Erkrankung behandelt und die Betreffenden werden in psychiatrischen Einrichtungen unter Verwendung von Medikamenten (Psychopharmaka) behandelt.
Der sozialpädagogische Ansatz behandelt Hikikomori eher als ein gesellschaftliches Problem denn als psychisch Erkrankte und versucht eine Eingliederung in die Gesellschaft und die Angst vor sozialen Kontakten durch eine Loslösung aus dem gewohnten Umfeld herbeizuführen. Insbesondere Wohngemeinschaften von Hikikomori, bei denen die schon länger Anwesenden den neu Hinzukommenden helfend zur Seite stehen, haben bei diesem Ansatz einigen Erfolg. 

 

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* OTRS 2013022110009441, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24823403

** Di Mullenkedheim da Tonami City, Toyama ,JAPAN - Flickr, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1661543

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