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Mingei – die japanische Volkskunstbewegung entdecken

Mingei (民芸 ) nennen die Japaner nennen ihre Volkskunst, die Bewegung entstand vor einhundert Jahren. Hergestellt werden die einfachen Gebrauchsgegenstände stets von unbekannten Kunsthandwerkern, übersetzt bedeutet Mingei so auch „Kunst der einfachen Leute“.

Wie in vielen anderen Ländern der Welt hat sich auch in Japan aus dieser Idee eine Bewegung gebildet, welche die Ästhetik traditioneller Alltagsgegenstände und regionaler Eigenheiten wie z.B. verwendete Muster, Motive und Farbgebungen herausstellt und bewahren will.

Diese Bewegung wird in Japan synonym mit der Idee Mingei genannt.

Die Idee: die vom Volk zumeist als Alltagsgegenstände geschaffenen traditionellen Handwerksprodukte besäßen ihre eigene bewahrenswerte Ästhetik.

 

Anfänge und Prinzipien des Mingei

Mingei-Feuerwehrmantel aus der Meiji-Periode

Feuerwehrmantel aus der Meiji-Periode, spätes 19. Jahrhundert. - Bild: Brooklyn Museum -, Gemeinfrei, wikimedia

 Der Ursprung geht auf verschiedene europäische Denker des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurück. In Japan lebende Künstler und Theoretiker wie der berühmte Töpfer Bernard Howell Leach und aus dem Ausland zurückkehrende Studenten brachten die Idee Anfang des 20. Jahrhunderts auch nach Japan.

In Europa ging mit der Etablierung der Volkskunstidee auch eine Ausweitung der von der Renaissance bis in die späte Neuzeit hin geltenden Kriterien für „Kunst“ als das Wahre, Echte, Schöne und das Streben nach Perfektion. Diese Überhöhung kann kein Künstler tatsächlich erreichen.

Mingei geht vielmehr mit einer Ästhetik des Gebrauchs, des Makels und der fehlenden Perfektion, ja in gewisser Weise des Alltäglichen und mitunter „hässlichen“ einher.

In Japan, mit seinen ganz eigenen ästhetischen Prinzipien, die sich teils stark aus den Lehren des Budhhismus herleiten, räumt man dem Makel wie auch Alltagsgegenständen schon ab dem 10. Jahrhundert eine wichtige Rolle ein.

Für die Idee der Volkskunst war so kaum eine wirkliche Erweiterung der Ästhetik notwendig. Hier wurden ohnehin schon bestehende Prinzipien eher auf eine größere Palette von Alltagsgegenständen des (einfachen) Volkes ausgeweitet.

Ein Unterschied der die Volkskunst immer von der regulären oder hohen Kunst trennt ist die fehlende akademische Vor- und Ausbildung der meist anonymen Produzenten, seien diese nun Handwerker oder Manufaktur-Arbeiter.

Der japanische Staat versucht dabei aktiv, traditionelle Handwerke zu erhalten und zu ehren, indem er herausragenden Vertretern den Status eines „nationalen Schatzes“ verleiht. Dies können z.B. Töpfer, Papierschöpfer oder Textildrucker sein.

Dabei spielte – wie bei den europäischen Volkskunstbewegungen – gerade zu Beginn sicher auch eine Art von Ambivalenz gegenüber der sich ausbreitenden industriellen Produktion von Alltagsgegenständen eine wichtige Rolle.

 

Yanagi Muneyoshi und die Etablierung von Ming

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Yanagi Muneyoshi, der Gründer der Volkskunstbewegung um 1950 - Bild: © Autor unbekannt -, Gemeinfrei, wikimedia

Als Vater der japanischen Volkskunstbewegung Mingei gilt der 1961 verstorbene Yanagi Muneyoshi (japanisch 柳 宗悦, auch Yanagi Sōetsu genannt).

Er begann sich in den 1920er Jahren des 20. Jahrhunderts während seiner Anstellung in der damaligen japanischen Kolonie mit koreanischer Volkskunst zu beschäftigen.

Im Jahr 1924 gründete er  das erste Museums für Volkskunst in Korea. Nach Japan zurückgekehrt übertrug Muneyoshi seine umtriebige Faszination für die Volkskunst auch auf Japan.

Dabei stand er in engem Austausch mit vielen bedeutenden Künstlern und Literaten seiner Zeit wie Shiga Naoya, Mushanokōji Saneatsu, Kawai Kanjirō und Hamada Shōji, aber auch mit dem aus England stammenden und damals in Japan lebenden Töpfer Bernard Howell Leach.

Muneyoshi prägte dann den Begriff Mingei in den von ihm herausgegebenen Zeitungen Kōgei (工芸) ) und Mingei, in denen er mit anderen Intellektuellen die Idee einer japanischen Volkskunst proklamierte und verbreitete.

Das erste Museum für Volkskunst wurde in Japan unter Leitung von Muneyoshi im Jahr 1936 im Tokioter Stadtteil Komaba eröffnet.

Neben seiner lebenslangen Beschäftigung mit Mingei und seiner Lehrtätigkeit für Religionsphilosophie an der privaten Tōyō-Universität (japanisch 東洋大学, Tōyō daigaku) in Tokio verfasste er mehrere Schriften zur japanischen Volkskunst, die bis heute als Referenz gelten.

Darunter befinden sich die Werke „Schönheit in der Vielfalt von Gefäßen“ (雑器の美, Zakki no bi; 1926), „Volkskunst in Japan“ (日本の民芸, Nihon no mingei; 1960) und „Wesen der Kunst“ (美の法門, Bi no hōmon; ).

 

Was gehört alles zu Mingei? - Eine Übersicht 

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Inu-Hariko (Papiermachè-Welpenpuppe), ca. 1950 - Bild: Brooklyn Museum, Gemeinfrei, wikimedia

Die Volkskunst oder Heimatkunst ist definiert als das bildnerische und kreative Schaffen jenseits der klassischen und modernen Kunst.

 Zumeist ist die Volkskunst dabei eingebunden in handwerkliche Traditionen oder eine häusliche Produktion. Zudem dienen die der Volkskunst zugerechneten Objekte in den meisten Fällen einer alltäglichen Nutzung – als Trinkgefäß, Möbel oder Kleidung, um einige Beispiele zu nennen.

Im deutschsprachigen Raum geht der Begriff der Volkskunst auf den österreichischen Kunsthistoriker Alois Riegel zurück, der den Begriff wohl um das Jahr 1894 erstmals nutzte.

Mit zunehmender Industrialisierung wurden solche häuslichen und handwerklichen Arbeiten immer seltener und das Interesse an der volkstümlichen Produktion, wie es teilweise schon seit Jahrhunderten überliefert war, stieg plötzlich an.

Mingei hat seine ganz eigenen Voraussetzungen bzw. Eigenschaften, die sich teils mit Volkskunst aus anderen Weltgegenden überschneiden, teils aber auch von diesen abweichen. Mingei soll:

  • von anonymen Handwerkern gemacht sein
  • von Hand in Mengen, nicht als Einzelstück produziert werden
  • günstig verkauft werden
  • von einer großen Anzahl von Menschen genutzt werden
  • funktional und Teil des alltäglichen Gebrauchs sein
  • repräsentativ für die Region sein, in der sie hergestellt werden (starker Fokus auf Regionalität)

Damit unterliegt Mingei insgesamt einem strengeren Regelkatalog, als dies in den meisten anderen Volkskunstbewegungen der Fall ist.

Ein weiterer Unterschied gerade zur europäischen Volkskunstbewegungen besteht in der fehlenden Aufnahme von immateriellen Kulturgütern wie z.B. Volkstänzen oder Volksliedern, die im Allgemeinen nicht zu Mingei gerechnet werden bzw. in dieses System aufgenommen werden.

Zu den zu Mingei gezählten Objekten gehören ansonsten alle handwerklich vom Volk für das Volk hergestellten Alltagsgegenstände wie z.B.:

  • handgemachte Textilien und die traditionell verwendeten Muster und Färbungen
  • Schnitzerei
  • Töpferei
  • Schmuck
  • Möbel

 

Volkskunst in Japan: Besonderheiten, Schwerpunkte, die Ästhetik jenseits der Perfektion

Mingei Volkskunst-Museum in Tokyo

Das Mingei Volkskunst-Museum in Tokyo - Bild: Kamemaru2000 - Own work, CC BY-SA 3.0, Wikimedia

Analog zur europäischen Volkskunstbewegung setzt auch Mingei der fortschreitenden Industrialisierung und dem damit einhergehenden Verschwinden des klassischen Handwerks die Idee des Bewahrens entgegen.

Dabei setzt Mingei nicht nur aufs Sammeln, sondern sieht sich auch als Aufruf, die klassisch tradierten Handwerke und Handwerker zu ehren und wertzuschätzen.

Durch die Besonderheiten der japanischen Auffassung von Ästhetik wird Mingei in Japan hochgeschätzt. Dies liegt unter anderem im ästhetischen Konzept des Wabi Sabi begründet, welches gerade in den kleinen Fehlern, Beschädigungen und Unregelmäßigkeiten erst wirkliche Schönheit postuliert und das in Japan große Bedeutung besitzt.

So erklären sich auch die schon oben angesprochenen Bemühungen von Staatsseite aus, die traditionellen Handwerke am Leben zu behalten und deren herausgehobenen Künstler zu ehren. So wird verdienten und weithin bekannten Kunsthandwerkern wie Töpfern, Papierschöpfern oder Textildruckern unter besonderen Bedingungen der Titel eines „nationalen Schatzes“ zugesprochen.

 

Kritik an dem nationalen und nationalistischen Unterbau von Mingei

Mingei entstand als Idee während der Imperial-Kolonialen Ausdehnung Japans im Vorlauf des 2. Weltkrieges.

In dieser Zeit besetzte das Kaiserreich Japan unter anderem Korea und Teile Nordchinas (Mandschurei) und beanspruchte diese Gebiete als Kolonien. Als eine Form des Quasi-Orientalismus, wie er im 19. Jahrhundert in Europa verbreitet war, entwickelte sich Mingei teils in den japanischen Kolonien und vereinnahmte so deren kulturellen Erzeugnisse.

Inwieweit dies ein Vehikel für Assimilation und Appropriation (Aneignung) des Fremden für die japanische Kultur und ihren hegemonialen Anspruch in dieser Zeitperiode gedient hat, ist zwar umstritten. Spuren einer kolonialistisch-imperialen Aneignung finden sich aber durchaus auch in den frühen Schriften Yanagi Muneyoshi, des Vaters von Mingei.

Mit der zunehmenden, wenn auch teilweise nur schleichend voranschreitenden Ausarbeitung der eigenen Geschichte, wird auch Mingei nach und nach von den Resten und Spuren kolonial-imperialistischer Ideen befreit. Abgeschlossen ist dieser Weg aber noch lange nicht, weder im Mingei noch in anderen Aspekten des japanischen Lebens.

 

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Titelfoto: Brooklyn Museum, gemeinfrei, wikimedia

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