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Kintsugi – Keramikreparatur mit Gold und Edelmetallen

Keramik zu reparieren erscheint heutzutage sicher vielen eher ungewöhnlich. Zerbricht etwas, dann kauft man sich eben was neues und ersetzt den zerbrochenen Gegenstand einfach. Allein bei teuren und seltenen, vielleicht auch bei besonders liebgewonnenen Stücken wird hier eine Ausnahme gemacht, vorausgesetzt man findet überhaupt einen Kunsthandwerker, der sich darauf versteht.

Bei uns im Westen setzt man obendrein voraus, dass solch eine Reparatur möglichst unsichtbar bleibt. Kintsugi (金継ぎ, dt. „Goldverbindung, -flicken“), eine japanische Technik für die Reparatur von Keramiken, ist fast das genaue Gegenteil des westlichen Umgangs mit zerbrochener Keramik. Handgemachte Keramik wie Teeschalen, Teller oder Kannen werden in der japanischen Kultur nicht nur hochgeschätzt, ihr Alter und die Patina, eingeschlossen Beschädigungen, erhöhen sogar nur noch ihre individuelle Wertschätzung. So versucht die Kintsugi-Technik auch gar nicht, die Bruchstellen zu kaschieren, sondern betont diese sogar durch die Verwendung von Goldstaub und anderen Edelmetallen wie Silber oder Platin, die in den Lack gemischt werden, mit dem die Keramik wieder zusammengesetzt wird. So entstehen schmale goldene (oder silberne) Bänder, die sich wie Adern durch die Keramik ziehen und deutlich aufzeigen, wo diese einmal zu Bruch gegangen ist.

Alte Schale mit Goldrissen
Kintsugi wird auch „Kintsukuroi“ genannt, was „Goldreparatur“ bedeutet. - Bild: © Daderot - wikimedia

Das grundlegende Prinzip für diese Reparatur liegt in der Ästhetik des Wabi-Sabi (侘寂), einer in Japan entstandenen und vom Zen-Buddhismus beeinflussten Idee der Schönheit, die das Unvollkommene, das Gebrauchte, Vergängliche und Authentische in ihr Zentrum stellt. Die Wertschätzung für durch die Kintsugi-Technik reparierte Keramiken geht so weit, dass Keramik teils sogar extra zerbrochen wird, um sie anschließend mit dieser Technik zu reparieren, um dann ein einzigartiges Stück zu besitzen – oder verkaufen zu können.

 

Geschichte des Kintsugi

 

Der Legende nach zerbrach die Lieblingsteeschale des japanischen Shoguns Ashikaga Yoshimasa (herrschte von 1449 bis 1473) und wurde daraufhin zur Reparatur nach China gesandt. Zurück kam die mit Metallklammern reparierte Schale, was dem Shogun aber nicht gefiel, da die Metallklammern von der Schönheit der eigentlichen Schale ablenkten. So regte der Shogun die Entwicklung einer alternativen Technik an und japanische Kunsthandwerker erfanden Kintsugi.

Damit schaut diese sehr spezielle Reparaturtechnik auf eine Geschichte von über 500 Jahren zurück und wird auch heute noch von Kunsthandwerkern in teils sehr langwierigen Prozessen durchgeführt. Dabei erhöht sich der Wert einer Keramik mitunter deutlich durch ihre Reparatur und führte so zu der oben schon angesprochenen Eigenheit, Keramiken sogar extra zu zerbrechen, nur um diese mit der Kintsugi-Technik reparieren zu lassen.

 

Verbindung von Kintsugi und Wabi-Sabi

 

Unter Wabi-Sabi versteht man eine Idee der Schönheit bzw. eine ästhetische Auffassung, in der das Unvollkommene, das Alte, beschädigte und von Patina überzogene der Perfektion und Symmetrie vorgezogen werden. Dabei besteht eine enge Verbindung zum Zen-Buddhismus und Wabi-Sabi kann als Entsprechung zur ersten der vier edlen Wahrheiten (Dukkha) des Buddhismus, aufgefasst werden. Die wirkliche Schönheit liegt dem Wabi-Sabi zufolge nicht offensichtlich zu Tage, sondern erscheint im Verborgenen und erschließt sich erst durch die nähere Betrachtung.

Wabi-Sabi Keramik mit kleinem Goldriss
Wabi-Sabi bedeutet die kleinen Dinge zu schätzen - Bild: © Haragayato - wikimedia

Wabi-Sabi ist dabei universell auf die Künste anwendbar und umfasst neben Gegenständen auch die Poesie, beeinflusst die Gartengestaltung und kann ebenso in der Natur aufgefunden werden. Die offensichtliche Reparatur, wie sie durch Kintsugi mit den schmalen, metallen glänzenden Bändern an den Bruchstellen durchgeführt wird, betont die Unvollkommenheit eines Objektes, ohne dies selber grundlegend zu verändern und verspricht so bei Anschauung des Objektes eine besondere Schönheit zu entbergen.

 

Wie funktioniert Kintsugi?

 

Die Reparatur von zerbrochener Keramik mit Kintsugi ist sehr aufwendig und kann teilweise sogar Monate dauern. Grundlegend ist die Verwendung von Urushi-Lack (jap. , hierzulande häufig auch als Chinalack bezeichnet), einem Naturlack auf Basis des Harzes von Lackbäumen. Dieser wird in einem langwierigen Prozess in mehreren Schichten aufgetragen und immer wieder geschliffen und poliert. Üblich ist es dabei, den Urushi-Lack mit Goldfäden, Goldstaub oder mit anderen Edelmetallen zu versetzen und zu färben. Neben der sorgsamen Verarbeitung ist vor allem die nach jedem Arbeitsschritt notwendige Trocknung in speziellen Feuchtschränken (Urushi-Furo) sehr zeitaufwendig.

Teeschale aus Keramik nach der Reparatur
Urushi ist gesundheitlich unbedenklich. - Bild: © Haragayato - wikimedia

Außer dem einfachen Zusammenfügen von Teilen einer gebrochenen Keramik gibt es noch zwei weitere Techniken, um mit Kintsugi aus Scherben etwas Einzigartiges entstehen zu lassen. Zum einen ist da die Yobitsugi-Reparatur, bei der für die Reparatur ein fehlendes Teil durch das einer anderen, oft anders gemusterten Keramik für die Fertigstellung ersetzt wird. Zum anderen gibt es mit der Makienaoshi-Technik auch eine Form der Reparatur, bei der ein fehlendes Teil oder eine Scherbe gänzlich mit mehreren Schichten Ushuri-Lack ersetzt wird. Dieser ist dann meist aber nicht mit Gold oder anderen Edelmetallen gefärbt, sondern versucht das Muster der Ursprungskeramik zu imitieren.

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