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Wie der Baumkuchen nach Japan kam

Es gibt ihn an jeder Ecke, 365 Tage im Jahr: Baumkuchen. Was hierzulande in erster Linie zur Weihnachtszeit auf den Tisch kommt, ist in Japan eine der beliebtesten Backwaren überhaupt. Neben Bier und Wurst gehört Baumkuchen zu den bekanntesten kulinarischen Exporten aus Deutschland. Aber wie gelang es dem deutschen „König der Kuchen“, ein ganzes Land in Fernost zu erobern?

Japan das Land des Baumkuchens

Kirsche. Melone oder Banane - Japanische Baumkuchen-Meister kreieren ständig neue Geschmacksrichtungen

Baumkuchen (バウムクーヘン), was sich auf Japanisch wie „Baumukuuhen“ anhört, ist im Land der aufgehenden Sonne allgegenwärtig. Egal ob in der Fachkonditorei, im Supermarkt oder in 24 Stunden Shops wie 7Eleven oder FamilyMart: Überall kann man vorportionierte Ringe des deutschen Kuchens kaufen. Selbst in den japanischen Filialen der Lifestyle-Kette Muji dürfen eigene Baumkuchen-Produkte nicht fehlen. Gegessen wird er meist pur, das heißt ohne Glasur aus Schokolade oder Zucker (Fondant). Dafür gibt es in Japan Geschmacksrichtungen, die kein deutscher Bäcker im Angebot hat. Neben der obligatorischen Variante mit Grünteegeschmack (Matcha) findet sich in den Regalen japanischer Baumkuchen mit Bananen-, Schoko-, Kirsch- oder Melonengeschmack.

Darum lieben Japaner Baumkuchen

Mehl, Butter, Eier, Zucker, Salz und Vanille - mehr ist nicht nötig, um einen guten Baumkuchen zu backen. Warum hat gerade ein so simples Rezept solchen Erfolg in Japan?
Das Geheimnis liegt in der Konsistenz des Baumkuchens. Er ist angenehm weich, saftig und nicht zu süß. Genau so wie es viele Japaner lieben. Sein markantes Äußeres mit der typischen Ringstruktur entspricht ebenfalls dem japanischen Geschmack. Eine schlichte Schönheit, die sich auch als Geschenk zu Hochzeiten und anderen Anlässen schenken lässt.
Baumkuchen wird in Japan so geschätzt, dass ihm sogar ein eigner Tag gewidmet wurde. Der 4. März ist seit 2010 der offizielle „Tag des Baumkuchens“ (バウムクーヘンの日).
Untrennbar mit Baumkuchen ist in Japan ein deutscher Name verbunden: „Juchheim“ (ユーハイム). Das in Kōbe ansässige Unternehmen hat es in der über 100 jährigen Firmengeschichte geschafft, den deutschen „Spießkuchen“ zu einer der beliebtesten Backwaren des Landes zu machen. Zu verdanken ist dies einem deutschen Ehepaar, das auch in schweren Zeiten immer an den Erfolg ihres Baumkuchens in Japan geglaubt hat.

Der Phönix aus der Asche – Die Geschichte des "Juchheim Baumkuchens"

Am Mittag des ersten Septembers 1923 blickt Karl Joseph Wilhelm Juchheim auf die Trümmer seiner beruflichen Zukunft in Japan. Es war kurz vor 12 Uhr als gewaltige Erdstöße den Boden erzittern ließen. Stärker als alles was Juchheim bisher erlebt hat. 142.000 Menschen verlieren infolge des „großen Kantō-Erdbebens“ ihr Leben. Auch Juchheims Familie hätte zu den Opfern gehören können. Sein Haus in Yokohama samt Backstube und Wohnung liegt in Schutt und Asche. Zum zweiten Mal in seinem Leben hat er alles verloren.
Vor 14 Jahren brach der damals 22 jährige Konditor von Deutschland auf, um in Tsingtau, dem chinesischen Außenposten des damaligen Kaiserreichs, sein Glück zu suchen. Es lohnte sich. Nach fünf Jahren harter Arbeit eröffnet er gemeinsam mit seiner Frau Elise die erste eigene Bäckerei. Es war der Vorabend des Ersten Weltkrieges. Wenige Monate später erklärte das mit England verbündete Japan Deutschland den Krieg. Nach drei Monaten Belagerung fiel Tsingtau. Karl Juchheim verlor Geschäft und Freiheit. Ein japanisches Schiff brachte ihn 1915 in ein provisorisches Kriegsgefangenenlager nach Ōsaka. Elise blieb mit dem gemeinsamen Sohn alleine zurück. Noch glaubten alle an ein schnelles Ende des in Europa tobenden Krieges.

Baumkuchen hinter Gittern

Baumkuchen ist ein Japan ein ganzjähriger Verkaufshit Backwaren in Japan

Während sich die europäischen Armeen in blutigen Stellungskriegen aufrieben, schwand in Japan die Hoffnung auf eine baldige Freilassung. Die japanische Regierung begann, dauerhafte Lager für die fast 5000 deutschen Kriegsgefangenen einzurichten. Juchheim und über 500 weitere Deutsche wurden 1917 von Ōsaka auf die Insel Ninoshima, nahe Hiroshima, verlegt. Trotz Gefangenschaft wurden die Deutschen mit Respekt behandelt. Sport war ebenso Teil des Alltags wie eine eigne Lagerzeitung und die Möglichkeit, den eigenen Berufen nachzugehen. Beeindruckt von den Erzeugnissen deutscher Künstler, Handwerker, Metzger und Bäcker organisierten die japanischen Bewacher 1919 eine eigene Ausstellung in Hiroshima. Im „Erfrischungsraum“ präsentierte auch Juchheim erstmals einer begeisterten japanischen Öffentlichkeit seinen heute legendären Baumkuchen.
1920, zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, endete die Gefangenschaft und Karl Juchheim sah eine Möglichkeit, sich in neues Leben in Japan aufzubauen. Er holte Frau und Kind ins Land und arbeitete kurzzeitig in einem Café in Tokio, bevor er gemeinsam mit Elise die eigene Konditorei „E. Juchheim“ in Yokohama eröffnete. Dank seines Baumkuchens entwickelte sich der kleine Laden zu einem blühenden Geschäft - bis zu jenem verhängnisvollen Mittag im September 1923.

Ein neuer Anfang - Der "Juchheim Baumkuchen" erobert Japan

"Nana korobi, ya oki" - "Siebenmal fallen, achtmal aufstehen" wenige Menschen verkörpern dieses alte japanische Sprichwort besser als Karl Juchheim. Nach dem Beben kommt die Familie kurzfristig bei Bekannten im weiter südlich gelegenen Kōbe unter. Karl gibt nicht auf. Noch im selben Jahr eröffnen er und Elise die Café-Konditorei „Juchheim’s“. Endlich scheint sich alles zum Guten zu wenden. Die aufstrebende japanische Mittelschicht besitzt Geld und sucht den Geschmack der Ferne. Baumkuchen wird zum Publikumsrenner. 20 Jahre versorgen die Deutschen von Kōbe aus die stetig wachsende Kundschaft mit Juchheim Baumkuchen und anderem Backwerk aus Deutschland. Sogar in bekannten japanischen Romanen, wie Jun'ichirō Tanizakis(谷崎 潤一郎) „Die Schwestern Makioka“, wird das deutsch eingerichtete Café erwähnt. Bald kann Karl die Nachfrage nicht mehr alleine bedienen und bildet japanische Angestellte in der Kunst des Backens aus.
Mit der sich anbahnenden Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg versiegt auch das wirtschaftliche Glück der Juchheims. Die Lebensmittelknappheit zwingt sie, 1944 ihr Geschäft zu schließen. Kurze Zeit später wird das Gebäude bei einem amerikanischen Luftangriff zerstört. Der Sohn fällt im Krieg in Europa. Das endgültige Ende des japanischen Baumkuchens scheint besiegelt, als Karl selbst, einen Tag vor der im Radio übertragenen Kapitulationserklärung des japanischen Kaisers, verstirbt. Elise Juchheim muss zwei Jahre später das Land verlassen.

Japanischer Baumkuchen nach deutscher Art

Matcha (Grüntee) Baumkuchen gehört zu den beliebtsten japanischen Baumkuchen-Arten

Als die Geschichte des japanischen Baumkuchens bereits beendet scheint, entschließen sich zwei ehemalige Mitarbeiter Juchheims, den Erfolg des japanischen Baumkuchens wiederzubeleben. Mit Einwilligung von Elise gründen sie 1950 das Unternehmen „Juchheim“ in Kōbe neu. Drei Jahre später gelingt es ihnen, die ehemalige Chefin selbst zurück nach Japan zu holen. Sie wird erneut Geschäftsführerin der mittlerweile zur Aktiengesellschaft umgewandelten Firma. Doch das Geschäft läuft nicht immer wie geplant. Anfang der 60er Jahre tritt Haruo Kawamoto, ein erfolgreicher Geschäftsmann, als Vize-Präsident in das Unternehmen ein. Unter der gemeinsamen Führung blüht die Firma auf. Auch der Tod Elise Juchheims 1971 kann den Erfolg des japanischen Baumkuchens nun nicht mehr stoppen. Filialen eröffnen in mehreren Städten. Kaufhäuser, Freizeitparks und sogar Bahnhöfe im ganzen Land verfügen über eigene Juchheim Baumkuchen-Geschäfte.
Das heute von Kawamotos Sohn geführte Unternehmen setzt auch wegen der steigenden Konkurrenz bewusst auf Deutsches. Nicht nur Produktnamen und Design von Geschäften und Cafés stammen aus Deutschland. Auch angestellte Konditoren werden regelmäßig in Deutschland ausgebildet. Gegenwärtig besitzen vier von ihnen einen deutschen Meistertitel. Das Unternehmen selbst beschränkt sich schon lange nicht mehr allein auf den Verkauf von Baumkuchen. Mit einem Jahresumsatz von 27,4 Millionen Yen ist es ein erfolgreiches Unternehmen auf dem japanischen Backwarenmarkt und der Beweis für das richtige Gespür seines Gründers Karl Juchheim.

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