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Beeindruckende Erfinder und skrupellose Diebe - die Welt der japanischen Affen

Die ausschließlich in Japan lebenden rotgesichtigen Japanmakaken sind eines der beeindruckendsten Tiere des Landes. Sie sind Teil jahrhundertealter Mythen und Legenden und locken als „Schneeaffen“ jeden Winter tausende Hobbyfotografen in eine entlegene Bergregion. Ihre verblüffende Lernfähigkeit überrascht mit viele Parallelen zum unserem eigenen Verhalten und führt anderseits immer wieder zu Konflikten, im Zusammenleben mit ihren menschlichen Nachbarn.

Japanische Schneeaffen - Die Könige des „Höllentals“

Japanische Affen (Nihonzaru- 日本猿) bevölkern drei der vier japanischen Hauptinseln. Von Kyūshū im Süden über Shikoku, bis hin zur Shimokita-Halbinsel am äußersten Ende von Honshū leben unterschiedlich große Affen-Populationen. Mit Ausnahme des Menschen hat es keine freilebende Primatenart geschafft, in nördlicheren Breitengraden sesshaft zu werden als die 57 cm großen japanischen Makaken.
Japan ist ein Land klimatischer Gegensätze. Während die Winter in Tokio und südlicheren Städten wie Osaka eher mild verlaufen, erstarrt die Natur in den nördlichen Regionen und im Gebirge, bei Temperaturen in zweistelligen Minusbereich. Um dort überleben zu können benötigen auch japanische Affen eine ausgeprägten Widerstands- und Anpassungsfähigkeit. In einem abgelegenen Tal der Präfektur Nagano hat eine Gruppe japanischer Affen eine ganz spezielle Strategie entwickelt, die so nirgendwo sonst auf der Welt beobachtet werden kann.
Ganze vier Monate lang ist das von steilen Felsen und tiefen Wäldern geprägte Revier der Japanmakaken unter teils meterhohen Schneemassen begraben. Selbst der Name dieser Gegend wirkt wenig einladend: Jigokudani - das „Höllental“. Er kommt von den vielen heißen Quellen (Onsen), deren weißer Dampf direkt aus der Hölle zu strömen scheint. Was sich gruselig anhört hat für Japaner jedoch durchaus einen positiven Klang. Denn wo eine heiße Quelle ist kann man auch wunderbar baden gehen. Onsen-Thermalbädern gehören seit Jahrhunderten zu den beliebtesten Wellness-Oasen des Landes. Das besondere an Jigokudani ist, dass hier nicht Menschen während der kalten Jahreszeit im Wasser entspannen, sondern Japans berühmte „Schneeaffen“.

Wie japanische Affen das Baden entdeckten

Begonnen hat alles im schneereichen Winter 1963. Bei dem Versuch ins Wasser gefallenes Futter zurückzuholen entdeckte ein junges Japanmakak-Affenweibchen die wohltuende Wirkung der heißen Quelle. Bis zu diesem Zeitpunkt mieden, die aufgrund ihres schneebedeckten Fells auch als Schneeaffen bekannten, Tiere wie die meisten Affenarten das Wasser. Was dann vor über 50 Jahren geschah kam einer kulturellen Revolution gleich. Immer mehr Mitglieder ihrer Gruppe folgten dem Beispiel der Onsen-Pionierin und machten das gemeinschaftliche Baden zu einem festen Winterritual. Sobald die Temperaturen empfindlich sinken pilgern noch heute die Nachkommen der ersten badenden Schneeaffen von den Wäldern hinunter ins Tal, um sich ein paar Stunden im warmen Wasser aufzuwärmen.
Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die Einrichtung des Jigokudani Yaenkoen (Höllental-Affenpark). Fortan standen die dort lebenden Affen nicht nur unter besonderem Schutz, sondern wurden zusätzlich mit ausreichend Nahrung versorgt, was ihnen mehr Zeit zum Baden ließ. Der Park ist heute ein beliebtes Reiseziel tausender Fototouristen und die mit Schnee bedeckten Affen eines der beliebtesten japanischen Fotomotive sowie Stars zahlreicher TV-Dokumentationen über Japans Tier- und Pflanzenwelt.

Der „hundertste Affe“ – beherrschen japanische Affen eine Art Telepathie?

Das markante rote Gesicht eines japanischen Affen (Nihozaru)

Für Aufsehen sorgt der Erfindungsreichtum der Japanmakaken auch am südlichen Ende des japanischen Archipels. Auf der kleinen Insel Kōjima lebt eine Affenpopulation, die auf scheinbar magische Weise neu erworbenes Wissen an ihre weiter entfernt wohnenden Artgenossen weitergegeben hat.
Seit den 1940er Jahren werden die auf der 30 Hektar großen Insel isoliert lebenden Affen von Wissenschaftlern der Kyoto-Universität erforscht. 1953 wurde ein junges Affenweibchen erstmals dabei beobachtet, wie es eine von Forschern ausgelegten Süßkartoffeln vor dem Verzehr in salzigem Meerwasser abwusch. Die extra Würze schien ihrem Geschmack entgegen zu kommen, denn fortan begann jedes Kartoffelessen mit dem neu erlernten Waschritual. Wie im Fall der Schneeaffen war das eigentlich Verblüffende jedoch nicht das bloße Aufkommen eines bisher unbekannten Verhaltens bei Jungtieren, sondern die Tatsache, dass dieses (entgegen des normalen Wissenstransfers von alt zu jung) auch von älteren japanischen Affen imitiert wurde.
Der Erfindungsreichtum des „Imo“ (Süßkartoffel) genannten Affenweibchens, hatte auch weiterhin Einfluss auf die Kultur der japanischen Affen-Gruppe. Sie entdeckte u.a. eine Methode, wie sie verunreinigte Getreidekörner im Wasser von mit aufgenommenem Sand trennen konnte.
Für weltweite Aufmerksamkeit sorgte die Aussage, dass das von Imo eingeführte Verhalten sich bald nicht mehr ausschließlich bei den isoliert lebenden Affen auf Kōjima nachweisen ließ, sondern auf unerklärliche Weise auch auf Japanmakaken in anderen Gebieten übergesprungen war.
Der populäre New-Age Autor Lyall Watson beschrieb 1975 erstmals das bei den japanischen Affen festgestellte Phänomen, als das „Prinzip des hundertsten Affen“. Die später von anderen Autoren weitergeführten Theorie („hundredth monkey effect“) besagt, dass sich ein von einer bestimmten Anzahl an Lebewesen erlerntes Wissen spontan „von Geist zu Geist“ verbreiten kann, ohne dass die einzelnen Lebewesen jemals in direktem Kontakt gestanden haben. Als kritische Masse nannte Watson die Zahl 100, nach deren Überschreiten der „telepathische“ Wissenstransfer einsetzt.
Tatsächlich gibt es jedoch keine Beweise für diese Theorie, deren Entstehung auch auf unzureichender Kenntnis der japanischen Forschungsberichte zurückführbar scheint. Zum einen erfolgte die Verbreitung in der ursprünglichen Japanmakaken-Gruppe (deren Größe deutlich unter 100 Tiere lag) nur langsam. Eine plötzliche Übertragung auf alle Mitglieder fand nie statt. Zu anderen gelang es mindestens einem Tier zu anderen Affengruppen außerhalb der Insel zu schwimmen, was das scheinbar unerklärliche Auftreten der gleichen Verhaltensweise bei räumlich getrennt lebenden Affen-Populationen erklärt.
Die Ergebnisse der japanischen Forscher sind jedoch trotzdem nicht weniger beeindruckend, denn das auf Kōjima festgestellte Waschverhalten war der erste wissenschaftlich dokumentierte Beweis für Kulturentwicklung unter Tieren.

Affentheater - japanische Affen-Gangs überfallen Touristen

Japanmakaken-Portrait von Watanabe Kazan (1793-1841)

Dass das Zusammenleben zwischen intelligenten Tiere und Menschen (trotz gemeinsamer Verhaltensweisen) nicht immer reibungslos verläuft zeigt sich in anderen Teilen Japans. Vor einigen Jahren berichteten japanische Medien verstärkt von regelrechten Affen-Gangs, die in beliebten Ausflugszielen (beispielsweise in der Gegend um Nikkō) Geschäfte und Touristen als Ziele für ihre Beutezüge entdeckt hatten. Überfallartig stürmten sie Supermärkte um sich nach wenigen Sekunden mit erbeuteten Waren aus dem Staub zu machen.
Auch ahnungslose Touristen wurden zu Opfern der Japanmakaken. Letztere hatten über die Jahre gelernt, dass japanische Reisende selten ohne ein leckeres Lunchpaket (Bentō) aus dem Haus gehen. Waren sie mit den freiwillig herausgegebenen Leckereien der menschlichen Besucher nicht zufrieden, griffen die japanischen Affen zu drastischeren Mitteln. Sie entrissen vorbeischlendernden Touristen ihre Einkaufstüten oder enterten kurzerhand Autos, deren Besitzer unvorsichtig genug waren nicht alle Scheiben sorgfältig zu verschließen.
Schuld der Misere trugen jedoch im Wesentlichen die Menschen selbst, welche entgegen der offiziellen Verbote die Affen über Jahre hinweg angefüttert und an ihre Gegenwart gewöhnt hatten. Auch für die japanischen Affen selbst hatte die neue Entwicklung ungeahnte Nebenwirkungen. Zwar hatten sie einen neuen Weg gefunden ohne großen Aufwand an Nahrung zu gelangen, allerdings war diese nicht auf ihre Ernährungsbedürfnisse hin abgestimmt. So traten in einigen Fällen die gleichen „Wohlstandssymptome“ wie beim Menschen auf: Übergewichtige Affen und schlechte Zähne aufgrund eines zu hohen Zuckerkonsums.

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