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Land des aufgehenden Lichts – warum in Japan Technik so wichtig ist

Es gibt kein anderes Land auf der Welt, das sich derartig von technischen Innovationen begeistern lässt wie Japan. In Japan Technik zu verabscheuen ist so, als würde man in der Metzgerei nach veganen Zutaten fragen. Doch woher kommt diese Technikverliebtheit eigentlich? Historisch betrachtet war Japan lange Zeit ein sehr verschlossenes und traditionsbewusstes Land. Erst mit dem Einfluss der westlichen Kulturen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts und nach dem Zweiten Weltkrieg schien in Japan plötzlich alles möglich zu sein, wenn es mit Technologie zu tun hatte. Dabei tun sich immer wieder merkwürdige Widersprüche in der Philosophie auf, die man so im Westen weder erwarten noch verstehen würde. Hier wäre es zum Beispiel sicherlich ein Stilbruch, wenn man in einer historischen Klosteranlage ein hypermodernes Automatik-Klo einbauen würde. Natürlich hätte man auch hierzulande einen modernen Sanitärstandard, aber man wäre sehr darauf bedacht, es nicht zu übertreiben. Im japanischen Daigo Tempel in Kyoto, der über 1200 Jahre alt ist, kann man aber genau dies erleben.

Nun mag man argumentieren, dass Touristenattraktionen natürlich auch über hinreichende Toilettenkapazitäten verfügen müssen, doch wenn man bedenkt, dass der Schrein nur zu zwei oder drei besonderen buddhistischen Festen im Jahr zugänglich ist (und dann auch nur wenigen Auserwählten), fragt man sich, ob das sein muss. Ein Japaner würde diese Frage jedoch überhaupt nicht stellen, denn Technik ist dort gleichbedeutend mit fortschrittlicher Denkweise.

Hygiene und Diskretion werden in Japan großgeschrieben. Deswegen sind vor allem auch Toiletten echte High-Tech-Artikel. Dusch-WCs gehören zum Standard in vielen japanischen Häusern und Geschäften.

Gegensätze gibt es überall, wenn es um Hi-Tech geht

Ja, es gibt auch in Deutschland gewisse Gegensätze zwischen Hi-Tech und Traditionen. Wo hierzulande aber sofort der Denkmalschutz oder der TÜV dem fortschrittlichen Denken einen Riegel vorschiebt, gilt in Japan im Zweifel der Innovation der Applaus. Das muss nicht immer positiv sein und ist häufig auf den ersten Blick kaum zu verstehen. Wie erklärt man sich, dass ein Land, das nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg und dem Horror zweier Atombombenexplosionen so enthusiastisch den Ausbau der Kernenergie gefördert hat und selbst nach dem Atomunfall in Fukushima daran festhält? Die deutsche Überheblichkeit in Sachen Technologiekritik lässt kaum Verständnis dafür zu. Wenn man aber bedenkt, dass Japaner vor allem auch Pragmatiker sind, die das Notwendige tun, ist es gar nicht mehr so absurd. Wie sonst hätte Japan den technologischen und wirtschaftlichen Aufstieg mit Anschluss zur Weltspitze schaffen sollen, obwohl sämtliche Rohstoffe teuer importiert werden müssen? Deutschland hat zumindest große Kohlereserven und hat dennoch nicht auf Kernkraft verzichtet. Ein einfaches Urteil zu fällen, ist sicher nicht hilfreich, wenn es darum geht, in Japan Technik zu begreifen.

Warum liebt Japan Technik – selbst, wenn sie sinnlos und albern erscheint?

Roboter und ähnliche Hi-Tech-Spielereien, vor allem an den allgegenwärtigen Smartphones, haben es den Japanern besonders angetan. Inzwischen entwickelt man sogar kleine Roboter, die das Smartphone eingebaut haben und als persönlicher Begleiter fungieren. Roboter prägen die Popkultur schon seit langem und sie sind nicht umsonst führend auf diesem technologischen Feld. Westliche Ingenieure sehen Roboter als Spielerei, sofern sie nicht in der Industrie für „sinnvolle“ Arbeiten eingesetzt werden können. Haushaltsroboter oder gar die Entwicklung künstlicher Intelligenz wird hier allenfalls als Grundlagenforschung an Universitäten betrieben. Ein Staubsaugroboter gilt den Deutschen immer noch als Spielzeug.

Wer in Japan Technik begreifen möchte, kommt aber nicht darum herum, dass hier jeder Großkonzern eine Entwicklungsabteilung für genau solche „Spielereien“ betreibt. Und das mithin sehr erfolgreich. Man geht in Japan eben davon aus, dass selbst Spielereien irgendwann einen praktischen Nutzen haben können. Während in Deutschland kaum eine Lösung für den Pflegenotstand in Sicht ist, arbeitet man in Japan daran, Roboter in Altersheimen einzusetzen. Diese können zum einen bei den körperlich schwierigen Tätigkeiten (z.B. Personen aus dem Bett hieven) sehr hilfreich sein, aber auch bei der ständigen Überwachung kritischer oder aufsichtsbedürftiger Patienten helfen. Hierzulande ist die Antwort meist eine andere.

Letztlich können Roboter im Haushalt sogar dafür sorgen, dass alleinstehende Menschen sehr viel später oder überhaupt nicht in ein Pflegeheim ziehen müssen, wenn ihnen die größten Lasten durch den mechanischen Helfer abgenommen werden. Diese Helfer schlafen nie, brauchen keinen Urlaub und vergessen keine Erinnerung an die Tabletteneinnahme – und können bei Notfällen sogar selbsttätig Hilfe herbeirufen. Diese Zukunftsvisionen sind es, die für Japan Technik so wichtig machen.

Die andere Seite: Retro Technik

Neben alten Faxgeräten, die in vielen Büros noch immer ihren Dienst tun, sind auch Automaten wie die für Bahntickets nicht die neuesten im Hightech-Land Japan.

Seltsamerweise mögen die Japaner aber neben ihren hypermodernen Entwicklungen auch die mechanischen Helden der Vergangenheit. Die Benutzung von Faxgeräten, die in Europa inzwischen gegen null tendiert, ist in Japan immer noch alltägliche Routine für viele Menschen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass man handgeschriebene Mitteilungen auf japanisch oft einfacher per Fax verschicken kann als mit einer E-Mail. Doch das ist nicht der alleinige Grund. Es gibt eine ausgeprägte Vorliebe für Retro-Technik in Japan. Auch in Deutschland werden seit einigen Jahren die Errungenschaften der 80er und 90er Jahre wieder aus der Mottenkiste geholt, um sie der nachwachsenden Generation zu zeigen oder alte Videospielkulturen wieder aufleben zu lassen. In Japan beschränkt man dies aber nicht nur auf ein Museum oder kleine Interessenkreise. Hier existieren hypermoderne Automaten neben uralten mechanischen Pendants ebenso wie alte Waschmaschinen aus Großmutters Zeiten neben den modernsten automatischen Waschmaschinen der Welt. Lange Zeit hat die Welt Japans Technik vor allem als Kopie der westlichen Technologie verstanden. Daraus hat sich eine der größten Innovationsschmieden entwickelt, die die Welt je gesehen hat.

Und natürlich entsteht auch viel Blödsinn, der nicht weiterverfolgt wird oder bestenfalls skurrilen Unterhaltungswert besitzt. Dennoch führt die Philosophie, dass man in der Technik keine Denkverbote erteilt und jede noch so absurde Idee verfolgt, letztendlich dazu, dass unter dem Strich stets einige sehr brauchbare Produkte übrigbleiben. Nur so ist zu erklären, dass in einem Land, in dem die Tradition und feste Benimmregeln einen so hohen Stellenwert haben, das Freidenken im technischen Bereich nicht nur willkommen ist, sondern auch allerorten gefördert wird. Und während man in Europa und Amerika noch immer an der Serienreife von Alibi-Prototypen der schon seit Jahrzehnten versprochenen Elektrofahrzeuge bastelt, bringen japanische Hersteller eine Innovation nach der anderen auf die Straße. Auch wenn in Japan die meisten Autos nach wie vor eher einfache, kleine Modelle für den Mittelstand sind. Dennoch: Es einfach mal zu machen, das unterscheidet Japans Technik von unserer – die Ingenieure sind in Europa nämlich nicht dümmer. Japaner dürfen aber eben einfach mal was ausprobieren, weil es selbst dafür oft einen Markt gibt, der die Entwicklungskosten rechtfertigt.

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