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Schaffen die Sumoringer Japans den Weg aus der Krise?

Sumoringen ist in Japan ein Nationalsport. Mehr noch, die Bedeutung, die in Japan Sumo zukommt, kann im Westen kaum verstanden werden. Denn es handelt sich nicht einfach um einen beliebigen Kampfsport, sondern um eine Wettkampfform, die ihre Ursprünge in religiösen Zeremonien besitzt und auf vielerlei Weise die Gesellschaft geprägt hat. Sumoringer waren stets hoch angesehen und konnten trotz der oft niederen Herkunft groß Karriere machen. Besonders populär wurde der Kampfsport Sumo in den 1990er Jahren, stürzte dann aber in der Beliebtheit rapide ab.

Es ging sogar so weit, dass ausländische Ringer den Sport heute dominieren und in den Rängen aufsteigen. Gerade im letzten Jahrzehnt waren japanische Sumoringer fast aus allen wichtigen Klassen und Rängen verdrängt worden, weil Ringer aus der Mongolei und anderen Ländern einen Sieg nach dem anderen für sich verbuchen konnten. Ein Grund für den Niedergang des Sumoringens ist sicherlich der Mangel an Nachwuchs. Doch wieso gibt es kaum noch geeignete Sumoringer in Japan? Oder ist das alles nur eine vorübergehende Krise, die bald vorüber sein könnte? Anlass zur Hoffnung gibt jedenfalls der Sieg von Kazuhiro Kotoshogiku.

Erster japanischer Sieg bei einem traditionellen Sumo Turnier seit zehn Jahren

Das traditionelle Neujahrsturnier hat seit zehn Jahren keinen japanischen Sumoringer mehr als Sieger gesehen. Ringer aus der Mongolei dominierten den Kampfsport Sumo bisher unangefochten. Doch jetzt gibt es mit dem gebürtigen Japaner Kazuhiro Kotoshogiku endlich wieder einmal einen Sumo-Champion aus dem eigenen Land. Für Fachleute eine extrem wichtige Entwicklung für das Sumoringen im Mutterland dieses dem westlichen Ringen nicht unähnlichen Sports. Ob damit bereits eine Trendwende erreicht ist, bleibt abzuwarten, denn die Ursachen für die Krise sind noch immer nicht beseitigt. Dennoch beginnt auch diese Reise mit einem ersten Schritt, und den hat der Sumo-Champion mit seinem Sieg gemacht. Dabei war der Sieg durchaus eine Überraschung, denn der Kämpfer war früher vor allem durch Verletzungen aufgefallen und stand mehrfach davor, in die Drittklassigkeit abzurutschen.

Warum in Japan Sumo so wichtig ist

Sumoringen ist für die Japaner eine jahrtausendealte Tradition. Der Kampfsport Sumo hat seine Wurzeln in der Shinto-Religion und entstand, als zeremonielle Kämpfe am Kaiserhof ausgetragen wurden. Erste Berichte über diese Form des Ringens lassen sich rund 2000 Jahre zurückdatieren. Zum professionellen Wettkampfsport wurde das Sumoringen jedoch erst vor etwa 400 Jahren; die Sumoringer erlangten Respekt und Anerkennung – und nicht wenige wurden zu großen Idolen, denen man nacheifern sollte. Die Regeln sind dabei recht einfach: Es gibt einen Kampfring, der als dohyo bezeichnet wird. Dieser Name stammt von den Reisstrohsäcken, die zur Kennzeichnung unterschiedlicher Bereiche des Rings verwendet werden. Die Kämpfe spielen sich im inneren Kreis ab, der einen Durchmesser von 4,55 Metern besitzt. Der äußere Bereich ist mit Sand ausgestreut, sodass sich leicht erkennen lässt, wenn ein Kämpfer über den inneren Ring tritt. Eine Reminiszenz an die religiöse Herkunft des Sports ist der „Baldachin“, der bei manchen Turnieren an Seilen über dem dohyo befestigt ist und optisch an einen Shinto-Schrein erinnert. Die vier Ecken, die mit vier Quasten markiert sind, stehen dabei für die vier Jahreszeiten. Zu Beginn des Kampftages vollführen die Sumoringer zunächst eine Dohyo-iri, eine Ringbetretungszeremonie. Je nach Rang des Sumoringers und Art des Turniers kann diese Zeremonie mehr oder weniger glamourös ausfallen. Das Streuen von Salz im Ring, das der Reinigung dienen soll, sowie das Verbeugen der beiden Kämpfer voreinander und vor dem Ringrichter sind auch im Westen bekannte Rituale.

Um den gegnerischen Sumoringer zu besiegen, gibt es verschiedene Techniken und Taktiken. Kämpfe dauern oft nur wenige Sekunden. Sobald der Kampf entschieden ist, gibt der Ringrichter sofort den Sieger bekannt.
Um den gegnerischen Sumoringer zu besiegen, gibt es verschiedene Techniken und Taktiken. Kämpfe dauern oft nur wenige Sekunden. Sobald der Kampf entschieden ist, gibt der Ringrichter sofort den Sieger bekannt. - Bild: © Gusjer - commons.wikimedia.org

Einen Sumoringer zu besiegen, ist theoretisch ganz einfach: Man muss ihn dazu zwingen, den inneren Kreis zu verlassen oder ihn zu Boden werfen bzw. dazu bringen, den Boden mit einem anderen Körperteil als den Fußsohlen zu berühren. Kleinste Berührungen (selbst der Haare) mit dem Boden genügen bereits, um zu verlieren. Ebenfalls verloren hat man, sobald die innere Ringgrenze auch nur mit einem Zeh übertreten wird. Allerdings darf der gegnerische Kämpfer nur durch Schieben, Schleudern, Werfen oder Schlagen aus dem Ring befördert werden – Schläge mit den Fäusten sind dabei ebenso verboten wie Tritte, Würgen oder Haare ziehen. Magen und Brustkorb sind für Angriffe tabu, gleichzeitige Schläge auf die Ohren sowie das Eindrücken der Augen ebenfalls. Gleiches gilt für das Ziehen am mawashi, dem Tuchgurt, der empfindliche Organe schützen soll. Am Mawashi einen anderen Kämpfer zu packen und aus dem Ring zu schieben bzw. ihn hochzuheben und aus dem Ring zu tragen, ist aber erlaubt. Gerade kleinere, leichtere Gegner besiegen ihre kräftigen Gegenüber öfter durch Überlisten, sodass sich der andere Kämpfer quasi durch Gleichgewichtsverlust oder einen überraschenden Angriff selbst aus dem Ring befördert oder einfacher zu Boden befördern lässt.

Sumoringer werden in verschiedene Ränge unterteilt

Sumoringer, die in Japan Rikishi genannt werden, sind im Gegensatz zu anderen Kampfsportarten nicht in Gewichtsklassen unterteilt. So kann es also theoretisch passieren, dass ein sehr kleiner und leichter Kämpfer gegen einen gewaltigen, viel schwereren antreten muss. Man unterscheidet zwischen zwei Ligen im Westen und Osten Japans, die als Divisionen bezeichnet werden. Innerhalb dieser Klassen sind die Sumoringer in Ränge unterteilt, die in Gruppen zusammengefasst sind. Die fünf obersten Ränge sind Yokozuna, Ozeki, Sekiwake, Komusubi und Maegashira, die alle unter dem Dach der Maku-uchi-Gruppe versammelt sind. Ein einmal erreichter Rang ist jedoch keineswegs sicher, denn wenn man in den wichtigen Turnieren, den Bassho, nicht genügend Siege erringt, verliert man seinen Rang sehr schnell. Eine Ausnahme bilden hierbei die Yokozuna. Sie repräsentieren als Sumo-Champions den Kampfsport insgesamt in der Gesellschaft. Sie können als einzige Rikishi ihren Rang nicht mehr verlieren. Es ist jedoch üblich, dass ein Yokozuna zurücktritt, wenn er die erwarteten Leistungen nicht mehr erbringt. Seit 1998 hat kein Japaner mehr den Rang eines Yokozuna erreicht, hier dominieren seit langer Zeit die Sumoringer aus der Mongolei. Der Sieg von Kotoshogiku beim diesjährigen Neujahrsturnier lässt jedoch hoffen, dass sich das bald ändert. Siegt er im März erneut, hätte Japan endlich wieder einen eigenen Yokozuna als Sumo-Champion.

Sumoringen ist nicht mehr so populär wie früher

Früher war Sumo sehr viel populärer als heute. Diese Tuschezeichnung stellt zwei verschiedene Dohyo-iri, Ringeintrittszeremonien, dar.
Früher war Sumo sehr viel populärer als heute. Diese Tuschezeichnung stellt zwei verschiedene Dohyo-iri, Ringeintrittszeremonien, dar. - Bild: © kuco - fotolia.com

Obwohl in Japan Sumo immer wichtig sein wird, ist die Begeisterung in der Bevölkerung in den letzten 20 Jahren stark gesunken, was sich sehr auf die Nachwuchsgewinnung auswirkt. Viele Trainer beklagen, dass die neue Generation einfach nicht mehr den Siegeswillen und notwendigen Biss mitbringt. Dass Sumoringer extrem diszipliniert sein müssen, wird vor allem im Westen leicht übersehen, denn die gewaltigen Körpermassen scheinen etwas anderes zu belegen. Doch wer im Kampfsport Sumo erfolgreich sein will, muss mehr als nur dick sein. Wer einmal Sumoringen aus der Nähe beobachtet hat, stellt schnell fest, dass die Athleten extrem beweglich und flexibel sind und trotz ihrer großen Körpermasse eine sehr hohe Kraft, Schnelligkeit und Muskelspannung besitzen. Ihre Masse hilft ihnen natürlich dabei, den Gegner aus dem Ring zu befördern. Gelten derart hochgewichtige Menschen im Westen als wenig attraktiv, kann sich ein Sumo-Champion vor Angeboten von Frauen in der Regel kaum retten. Sie gelten als extrem leistungsfähig und attraktiv, weil sie eine enorme Disziplin an den Tag legen müssen.

Um das Gewicht zu halten, sind schon mal 20.000 Kalorien am Tag keine Seltenheit. Daneben besteht das Leben aber hauptsächlich aus hartem körperlichen Training. Nachdem die großen Idole aus den 90er Jahren jedoch mehr und mehr den Rückzug antraten, fehlte in Japan offenbar der Anreiz für den Nachwuchs, ebenfalls in den Sport vorzudringen. Da seit rund zehn Jahren ausländische Sumoringer dominieren, verstärkt sich dieser Effekt mit jeder neuen Saison, so die Meinung vieler Fachleute. Sollten Kämpfer wie Kotoshogiku das Ruder herumreißen können, wäre das sicherlich gut für das Sumoringen. Doch auch gesellschaftliche Veränderungen werden für den Niedergang der Sportart angeführt. So war die Karriere als Sumoringer früher eine gute Möglichkeit für sozial niedere Schichten, an Respekt und Anerkennung zu gewinnen. Da es heute selbst auf dem Land immer weniger Armut gibt, wählen viele Japaner lieber eine normale Karriere und haben außerdem auch eine bessere Bildung als früher. Vielleicht ist es genau dieser Effekt, der den Kämpfern aus der vergleichsweise armen Mongolei entgegenkommt. Sicherlich hat es aber auch mit den Skandalen zu tun, die den Kampfsport Sumo beschädigt haben.

Skandale ohne Ende

Schlagzeilen machten in den letzten Jahren weniger die Sumo-Champions, sondern die Skandale, die man mit ihnen verband. Enthüllungen von Insidern deuteten erstmals 1996 darauf hin, dass das System des Sumoringens durch mafiöse Strukturen geschwächt wurde. Steuerhinterziehung und Drogenmissbrauch waren ebenso an der Tagesordnung wie Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Manipulationen bei Kämpfen trugen in den folgenden Jahren dazu bei, das Ansehen des Sports beim Publikum weiter zu beschädigen. Und auch der Umgang mit dem ohnehin spärlichen Nachwuchs entsprach längst nicht immer den hohen ethischen Standards, die man vom Sumoringen erwartet. Schlagzeilen machte hier vor allem der Tod eines 17-jährigen Rikishi, der auf barbarische Weise von seinen Kameraden auf Anweisung des Trainers hin gefoltert und mit Flaschen sowie Baseballschlägern verprügelt wurde. Fälle wie dieser trugen dazu bei, dass nur wenige junge Menschen sich heute noch der harten Schule der Sumokämpfer unterwerfen möchten. Nicht zuletzt sind auch die wirtschaftlichen Aussichten begrenzt. Obwohl sich die Nachwuchsschwierigkeiten vor allem bei der Qualität der Kämpfer auswirken, ist die Anzahl der Kämpfer insgesamt problematisch. Denn Geld verdienen können mit dem Sport aufgrund der vorhandenen Strukturen nur insgesamt 70 Sumoringer. Alle anderen müssen sich mit Nebenjobs über Wasser halten. Da die Dauer einer Sumokarriere ebenfalls begrenzt ist, stellen sich viele Sportler die Frage, was sie nach dem Ende als Sumoringer überhaupt beruflich noch machen können. Nicht selten enden solche Sportler dann als Türsteher vor Clubs, was nicht gerade dazu beiträgt, einen Sumo-Champion als Idol zu sehen.

Die Popkultur vergisst ihre Helden nicht

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Sumoringer auf einen Gegner trifft, der das Doppelte seiner eigenen Masse hat. Hier kommt es vor allem auf die richtige Technik an, um zu siegen.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Sumoringer auf einen Gegner trifft, der das Doppelte seiner eigenen Masse hat. Hier kommt es vor allem auf die richtige Technik an, um zu siegen. - Bild: © kadenkei - fotolia.com

Ein Lichtblick ist vielleicht, dass die Popkultur ihre Helden in der Regel nicht vergisst, sondern nur suspendiert. Gerade im Moment ist die Retrowelle der 80er und 90er Jahre stark im Kommen. Kein Wunder, dass sich das auch auf die Beliebtheit des Sumoringens auswirkt, denn ältere Videospiele wie das legendäre Tekken werden sowohl in ihrer ursprünglichen Form als auch als Neuauflage wieder gerne gespielt. Bei vielen dieser Kampfsport-Spiele kann man auch als Sumoringer in den Ring steigen. So könnte es also sein, dass auch künftige Generationen ihr Interesse am Sumo nicht verlieren werden – dazu ist die historische Bedeutung des Sports wohl zu groß. Beleg dafür ist bestimmt auch die Beliebtheit der bekannten Anime-Serie „Abarenbou Rikishi!! Matsutarou“. Dieser etwas kompliziert aussehende Titel bedeutet in etwa „Rowdy-Sumo Matsutarou“ und handelt von einem Sumoringer, wie man ihn sich früher vorgestellt hat. Der Titelheld Matsutarou Sakaguchi ist ein Rowdy, wie er im Buche steht. Seine enorme Körperfülle und Größe verleihen ihm Kräfte, die beinahe übernatürlich anmuten. Kein Wunder, dass er noch nie wirklich hart arbeiten musste. Diese Anime-Serie ist insofern bemerkenswert, als dass alle Protagonisten typischerweise große körperliche und geistige Anstrengungen überwinden müssen, um ihren Traum zu erfüllen. Der Held dieses Sumo-Animes ist allerdings jemand, der zwar stark ist, sich aber nicht um die hohen Werte im Sumo kümmert und eher in den Tag hinein lebt. Im Laufe des Anime entwickelt er sich aber durch einige Umstände und die harte Sumo-Schule zu einem relativ respektablen Sumo-Ringer. Obwohl Sumo-Anime eher ein Nischendasein führen, sind die Umsetzung und die handelnden Charaktere interessant genug, um ein Stammpublikum zu fesseln. Und ganz nebenbei lernt man auch etwas über die Strukturen und Techniken im Sumo Sport. Man kann also mit einiger Sicherheit sagen, dass der kulturelle und sportliche Abgesang auf die Sumoringer etwas verfrüht kommt. In Japan Sumo zu betreiben, ist sicherlich keine einfache Sache, doch es ist anzunehmen, dass auch wieder bessere Zeiten für den Kampfsport Sumo kommen werden.

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