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Momijigari - Spaziergänge in Japans traumhaften Herbstlandschaften

Neben dem Frühjahr gilt der Herbst als die beste Reisezeit für Japan. Dies liegt nicht nur an der angenehmen Temperatur, sondern auch an einem eindrucksvollen Naturschauspiel, das mit großer Farbpracht den Jahreszeitenwechsel einläutet.

Es kommt aus dem Norden!

Japanische Herbstlandschaft

Mitte September berichten japanische Nachrichtenprogramme von einem mysteriösen „Frontverlauf“ an Japans äußerster Grenze. Es beginnt als einzelne Abweichung im gewohnten Erscheinungsbild. Dann sind es zwei, zwanzig, Hunderte. Nahezu über Nacht vergrößert sich ihre Zahl. Wie eine rote Welle ziehen sie von der nördlichsten Hauptinsel Hokkaido unaufhaltsam in Richtung Süden, bis sie nach drei Monaten auch die entlegensten Täler auf Kyūshū erreicht haben. Wo sie sind, verwandeln sich sommergrüner Wälder in bunte Traumlandschaften: Momiji oder Kouyou (紅葉), die „roten Blätter“ des Herbstlaubs, haben für Japaner fast die gleiche Bedeutung wie die weltbekannte Kirschblüte im Frühjahr. Wetterberichte informieren in Echtzeit über den aktuellen Stand der „Herbstblatt-Front“ (Kouyou Zensen - 紅葉前線) und wer es gar nicht mehr abwarten kann, hält sich auf speziellen Webseiten über die neusten Herbstlaub-Sichtungen auf dem Laufenden.

Momijigari – „Rote-Blätter-Jagen“?!

Momijigari, Herbstspaziergang in Japan

Nach Sommerhitze, der heftiger Taifun-Saison im August und dem frühen September, beginnt in Japan die Zeit des japanischen Spätsommers. Der Himmel klart auf, die Temperaturen sinken auf ein angenehmes Niveau, und die Natur zeigt sich vor dem kalten Winter noch einmal von ihrer schönsten Seite. Nicht ohne Grund wird diese Zeit auch als Koharu, „kleiner Frühling“ (小春), bezeichnet. Die kräftige Farbpracht der Blätter ist das I-Tüpfelchen, das diese Jahreszeit ideal für kurze Wanderungen unter freiem Himmel macht.
Als Momijigari (紅葉狩り), die „Rote-Blätter-Jagd“ bezeichnet man hierbei Ausflüge in Parks und Wälder, um die Pracht des rot leuchtenden Herbstlaubs zu bewundern. Jede Region des Landes hat bestimmte Orte und Aussichtspunkte, die als besonders geeignet gelten und alljährlich geradezu von Besuchern überschwemmt werden. Wer es lieber etwas ruhiger mag, findet jedoch auch abseits des Trubels unzählige Orte an denen man bei einem gemütlichen Picknick die herbstliche Schönheit des Waldes genießen kann.
„Momiji“ und „Kouyou“ sind Lesungen für die gleiche Kombination zweier chinesischer Schriftzeichen (Kanji): 紅 dient als Zeichen für „tiefes Rot“ während 葉 „Blatt“ bedeutet. Synonym steht der Begriff Momiji aber auch für den sich besonders intensiv verfärbenden Ahorn, der großen Anteil an Japans herbstlicher Blätterpracht hat.

„Buntes Herbstlaub? Haben wir doch auch!“

Japanischer Herbstspaziergang

...könnte man nun denken. Es ist jedoch gerade der besonders intensiv leuchtende Ahorn, der dafür verantwortlich ist, dass sich deutscher und japanischer Herbst nur schwer vergleichen lassen. Während in Deutschland gerade einmal drei Ahorn-Arten heimisch sind, finden sich in japanischen Wäldern über zwanzig verschiedene. Darüber hinaus gibt es in Japan generell eine doppelt so große und wesentlich vielfältigere Bewaldung, was zusätzlich zu einer größeren Farbenvielfalt und spektakuläreren Panoramen beiträgt.
Auch der aufgrund seines unverkennbaren Rots bei vielen Gärtnern beliebte Fächer-Ahorn (Irohamomiji) war schon lange in Japan heimisch, als die ersten Exemplare im 19. Jahrhundert erstmals nach Europa exportiert wurden.
Wenn bei klarem Wetter einsame Wanderwege und Baumkronen mit frischen rot und gelb leuchtenden Blättern bedeckt sind, lässt sich die Schönheit des japanischen Herbstes allenfalls noch mit dem berühmten „Indian Summer“ in Nordamerika vergleichen.

Momiji in der japanischen Kultur

Kouyou - rotes Herbstlaub

Dass dem bunten Herbstlaub in Japan wesentlich größere Aufmerksamkeit als in Deutschland geschenkt wird, liegt jedoch nicht nur an den günstigen natürlichen Voraussetzungen. Generell spielen die Jahreszeiten in der japanischen Kultur eine größere Rolle. Besonders in die Zeit von Frühjahr, Sommer und Herbst fallen unterschiedliche Feste und Traditionen, die für die Menschen untrennbar mit der jeweiligen Jahreszeit verbunden sind. Auch der Speiseplan richtet sich stärker nach den saisonalen Gegebenheiten.
Großen Einfluss haben die Jahreszeiten auch auf die Kunst und die traditionelle Dichtung Japans. Kigo (季語) sind so genannte „Jahreszeitenwörter“, die für Japaner in direktem Bezug zu einer Jahreszeit stehen und bestimmte Assoziation hervorrufen. Besondere Bedeutung haben sie in der Haiku-Dichtung, in der für jedes Gedicht nur eine festgelegte Anzahl an Silben zulässig ist und mit wenigen Worten Inhalte übermittelt werden müssen. Momiji, das rote Laub der Bäume, ist eines der häufigsten Motive von Herbst-Gedichten und findet sich bereits in Japans ältester Gedichtsammlung, dem Mitte des 8. Jahrhunderts verfassten Man’yōshū (萬葉集).
Selbst die Hersteller klassischer Kimonos ließen sich bei der Wahl ihrer Designs und Motive stark von den jeweiligen Farben und der Atmosphäre der Jahreszeiten beeinflussen.
Diese starke Verbundenheit mit den einzelnen Jahreszeiten hat vermutlich auch dazu beigetragen, dass man heute noch Japaner treffen kann, die äußerst überrascht reagieren, wenn man ihnen sagt, dass das Auftreten von vier klar unterscheidbaren Jahreszeiten kein rein japanisches Phänomen ist.

Ursprung des Momijigari

Die japanische Tradition des Momijigari-Herbstspaziergangs entstand während der Heian-Zeit (794-1185), am kaiserlichen Hofe in Kyōto, wo der Adel im Herbst begann, besonders schöne Orte aufzusuchen, um die Pracht des bunten Herbstlaubs zu bewundern. Wie die kurzlebigen Blüten der Kirsche (Sakura) erinnert auch die Schönheit des roten Herbstlaubs an den Wandel und die Vergänglichkeit alles Irdischen. Ein Zustand der im japanischen Begriff Shogyoumujyou (諸行無常) Ausdruck findet.
Während der Edo-Zeit (1603-1868) erlangte das Momijigari auch außerhalb des Adels große Verbreitung und ist heute ein willkommener Anlass für einen entspannenden Herbstspaziergang.

Wo kann man japanischen Ahorn bewundern?

Berühmte Momijigari-Spots sind Kyōto, der Oirasei Keiryu (ein14 Km langer Gebirgsbach in der Präfektur Aomori) und Nikkō (in Tochigi). Im Grunde hat jedoch fast jede Region bestimmte Orte, die besonders gut für eine Momijigari geeignet sind. In der Nähe von Osaka ist es beispielsweise der Minoh Nationalpark, wo ein kleiner Wasserfall als eindrucksvoller Hintergrund für atmosphärische Momiji-Fotos beliebt ist.
Auch in Deutschland muss man nicht auf eine romantische „Rote-Blätter-Jagd“ verzichten. Manche botanische Gärten bietet sogar spezielle Momijigari-Führungen an, bei denen die Pracht des japanischen Ahorns auch hierzulande bewundert werden kann.

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