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Tradition und Kaffee in Japan? Natürlich geht das!

Wenn man an Japan und seine kulinarischen Traditionen denkt, dann denkt man vor allem an Tee. Von den komplexen Tee-Zeremonien hat wohl jeder schon einmal gehört. Diese finden sowohl daheim, als auch in speziellen Etablissements statt. Ob mit Freunden, der Familie oder mit Geschäftspartnern – in Japan gehören solche Zeremonien zur Tradition und dienen der Sozialisation und nicht zuletzt dem ausgesuchten höflichen Austausch, welcher in Japan so sehr geschätzt wird. Aber Kaffee in Japan? Gibt es das überhaupt abseits von Starbucks? Selbst für Japankenner ist die japanische Kaffeekultur manchmal Neuland.

Aber es gibt ihn, den Kaffee in Japan. Mehr noch: In sogenannten Kissaten, speziellen Café-Häusern, wird eine traditionelle Kaffeekultur in Japan gepflegt – in der typisch japanischen Weise eben.

Kaffeekultur in Japan und die Kissaten

Seitenstraße mit Eingang zum Kissaten
Kissaten befinden sich meist in kleinen Lokalen in Seitenstraßen, liegen also oft ruhig und ein wenig abgeschieden von hektischen, lauten Hauptstraßen. - Bild: © Koichi Suzuki - commons.wikimedia.org - Lizenz: CC-BY-SA

„Kissaten“ bedeutet der Wortherkunft nach eigentlich „Laden, in dem man Tee konsumiert“ und genau das kann man seit jeher in einem solchen Café auch tun. Ursprünglich waren Kissaten Teehäuser, in denen während der Kamakura-Zeit (1185–1333) vornehmlich aus China stammender Tee getrunken wurde. Dabei galt es Rituale einzuhalten, um den Tee vollends genießen zu können. Heutzutage geht es in diesen Cafés weniger streng zu und es werden neben Grüntee auch Schwarztee, Fruchtsäfte und vor allem Kaffee angeboten. Darüber hinaus stehen meist süßes Gebäck, Snacks, Früchte und kleine Mittagsgerichte auf der Speisekarte. Um die speziellen Kissaten Cafés von den modernen, meist französisch angehauchten Cafés in Japan abzugrenzen, wird sowohl in Japan als auch im Westen der Begriff „Kissaten“ verwendet.

Kaffee selbst kam schon relativ früh nach Japan. Wie Europa auch, erreichte er „das Land der aufgehenden Sonne“ bereits im frühen 17. Jahrhundert. Bis die ersten Kissaten (im heutigen Wortsinn) eröffneten und den Kaffee auch bei einem breiteren Publikum populär machten, sollte es aber noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts dauern.

Der hochklassige Teesalon, den der Zen-Mönch Baisao 1735 in Kyoto eröffnete, gilt als das erste Kissaten Japans. Mit den Kissaten des 20. Jahrhundert hätte dieses aber nicht mehr viel gemein. Das älteste noch immer geöffnete Kissaten ist das „Paulista“ in Ginza, Tokyo. Es besteht seit 1911 und besitzt eine Atmosphäre, die typisch ist für die noch bestehenden Kissaten in Japan. Es ist klassisch, gemütlich und vor allem voller Charakter. Meistens wurde und wird ein Kissaten von einem einzelnen Betreiber geführt. Hier drängen sich keine anonymen Massen, das Café ist nicht hip und durchgestlt, wie es bei den modernen jpaanischen Cafés der Fall ist. In einem Kissaten herrscht eine ruhige Geselligkeit, die auf Qualität und nicht auf Quantität aus ist. Die Einrichtung ist informell und entspricht in der Regel dem Geschmack des Betreibers. Einige mögen Kissaten als überholt und nicht mehr zeitgemäß empfinden, doch gerade die besondere Atmosphäre und die vergleichsweise günstigen Preise locken nach wie vor Kunden in die Kaffeeshops.

Salarymen und Studenten, das typische Publikum

Westliches Frühstück in Japan mit Kaffee und Toast
In Kissaten werden sogenannte Morning Services angeboten, bei denen man ein kleines Frühstück oder nur ein Stück Kuchen zum Kaffee bestellen kann. - Bild: © 蛇使いの工藤 - commons.wikimedia.org - Lizenz: CC-BY-SA

Der Betreiber ist es auch, welcher als Kenner die Kaffeesorten aussucht und exklusiv für sein Publikum zubereitet. Dieses besteht zu großen Teilen aus Stammgästen. Auffallend oft findet man unter ihnen Studenten und Geschäftsleute, in Japan Salarymen genannt. Zum einen trifft es sich gut, dass in Kaffee Koffein enthalten ist, welches in einer Leistungsgesellschaft wie Japan gerade für Salarymen und Studenten attraktiv ist. Zum anderen öffnen Kissaten früh und wer früh unterwegs ist, weil er viel zu tun hat, weiß den Kaffee-Kick in gemütlicher Atmosphäre natürlich zu schätzen.

Wer auf ein leichtes Frühstück oder eine kleine Süßspeise zum Kaffee hofft, wird ebenfalls in Kissaten glücklich. Während der Mittagszeit bieten Kissaten meistens einfache Gerichte zu erschwinglichen Preisen an, die schnell zubereitet werden und ideal für Salarymen mit kurzer Mittagspause oder Studenten mit schmalem Budget sind.

Etwas Jazz zum Kaffee in Japan

Filterkaffee mit Filter auf Kanne und Kupferkanne
Hand-drip coffee (Filterkaffee) ist nicht ungewöhnlich in einem Kissaten und sorgt für einen intensiven, reichhaltigen Kaffeegeschmack. - Bild: © mnimage - Fotolia.com

Kissaten sind so unterschiedlich wie ihre Besitzer. Während in dem einen Kaffeeshop die Kaffeekunst mit ungewöhnlichen Kaffeemaschinen oder von Hand gemachtem Filterkaffee („hand-drip coffee“) regelrecht zelebriert wird, kann man in anderen zu bestimmten Zeiten Jazz- oder Bebop-Klängen lauschen und zwischen Fotos von Jazz-Legenden seinen Kaffee genießen. Gerade in den 60ern und 70ern florierten die Jazz-Kissaten und auch heute noch erfreuen sie sich ungebrochener Popularität.

Im Kissaten geht es vor allem um eines: Das Bleiben und das Genießen in einer ansonsten hektischen Zeit. Anstelle eines schnellen Coffee to go beim nächsten Starbucks, erhält der Kaffee in einem Kissaten einen anderen Stellenwert. Immerhin ist es in Europa auch ein Unterschied, ob man in einem Wiener Kaffeehaus seinen Kaffee genießt oder sich beim Bäcker einen Kaffee im Pappbecher schnappt, bevor man in die U-Bahn springt.

Die Zielgruppe der Kissaten unterscheidet sich natürlicherweise von der moderner Cafés. Während junge Leute, besonders Frauen, die schicken Cafés mit modernen Designs bevorzugen, finden sich in der Ruhe der kleinen, meist alten Kissaten Cafés eher Salarymen oder ältere Menschen und Studenten. Somit können Kissaten natürlich nicht mit großen Café-Ketten oder Trend-Shops konkurrieren. Das hat zur Folge, dass die Kaffeekultur in Japan langsam aber sicher ausstirbt.

Die Kaffeekultur in Japans Kissaten geht zurück

Goldene Kaffeetasse vor dunklem Möbiliar
Kissaten setzen auf althergebrachtes Design, kleine gemütliche Lokale und hochwertigen Kaffee. Gäste sollen sich Zeit zum Genießen nehmen. - Bild: © 汐田 貢 - photozou.jp - Lizenz: CC-BY-SA

Auch wenn alle Kissaten verschieden sind und sowohl sehr guten Kaffee als auch kleine bezahlbare Gerichte bieten, gehen die Besucherzahlen in den Kissaten leider seit Jahren zurück. In den letzten zwanzig Jahren mussten viele von ihnen schließen. Nicht dass Kaffee in Japan unpopulär geworden wäre – das Gegenteil ist der Fall. Aber weltweit und eben auch bei den Japanern immer beliebter werden die westlichen Cafés, in welchen man sich seinen Kaffee in teils bizarren Geschmacksrichtungen an der Theke bestellt und dann einen Pappbecher in die Hand gedrückt bekommt, mit dem man sich entweder an einen der tische setzt oder sich gleich wieder auf den Weg macht. Nachhaltig gedacht ist das nicht – aber es ist modern in weiten Teilen der Welt. Starbucks gilt in Japan als „oshare“, also als total angesagt und ist dadurch natürlich bei der jungen Generation und bei erfolgreichen Geschäftsleuten beliebt.

Hinzu kommt, dass die Einrichtung einiger Kissaten ihre besten Zeiten hinter sich hat. Mit 70er Jahre Charme oder kleinen Etablissements in Seitenstraßen kann man nur noch wenige Kunden anlocken. Liebhaber finden aber gerade die entspannte Atmosphäre in den Kissaten anziehend, der meist geschmackvolle Kaffee zeugt von hoher Qualität der Kaffeebohnen und vom handwerklichen Geschick des Cafébesitzers. Wer nach Japan fliegt, sollte einen Besuch in einem Kissaten also unbedingt einplanen, um selbst in die Welt der traditionellen Kaffeekultur in Japan einzutauchen – fernab von Pappbechern und hippen Geschmacksrichtungen. Denn Kaffee in Japan kann so schön sein. Und so typisch japanisch.

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