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Das japanische Blutgruppen-Horoskop - Verrät die Blutgruppe den Charakter?

„Was ist Ihre Blutgruppe?“ Nein, wir sind nicht in der Notaufnahme eines Krankenhauses und uns gegenüber steht auch keine Ärztin, die mit besorgtem Blick eine offenbar ernste Verletzung begutachtet. Wir befinden uns auf der Geburtstagsparty eines japanischen Freundes und die uns erwartungsvoll anlächelnde Person ist eine freundliche junge Dame, der wir vor einer Minute zum ersten Mal begegnet sind.
Die Frage, auf die viele Deutsche nur mit einem hilflosen Schulterzucken antwortet können, zeugt nicht von einem außergewöhnlich stark ausgeprägten medizinischen Interesse der japanischen Gesprächspartner, sondern ist bei diesen ein fast so beliebtes Smalltalk-Thema, wie das Gespräch über das aktuelle Wetter. Was also steckt genau dahinter?

Was japanische Blutgruppen über uns verraten sollen

Wie im Fall der Sternzeichen, werden in Japan den einzelnen Blutgruppen, Ketsueki Gata (血液型), bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die, sofern man dieser Theorie Glauben schenken mag, Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen zulassen. Wird etwa in einem Manga oder Anime eine Figur mit Blutgruppe vorgestellt, bedeutet dies für japanische Leser gleichzeitig Informationen über deren mögliche Eigenschaften zu erhalten. Auch in den Biografien von Musikern und Schauspielern darf die Information zur Blutgruppe nicht fehlen. Was könnte bei einem ersten Treffen also nahe liegender sein, als die Frage nach der Blutgruppe des Gesprächpartners? Schließlich erhalten wir mit ihrer Beantwortung gleich auch einen Eindruck davon, mit was für einer Art Mensch wir gerade zu tun haben.

Im Folgenden sind einige der Eigenschaften aufgelistet, die den jeweiligen Blutgruppen zugeordnet werden. Je nachdem wen man fragt, können jedoch durchaus Abweichungen auftreten.

Blutgruppe A

Laut dem so genannten japanischen Blutgruppen-Horoskop gelten Menschen mit der Blutgruppe A u.a. als besonders sorgfältig und verantwortungsvoll. Sie sind freundlich, nehmen sich selbst zurück, um Konflikte zu vermeiden, arbeiten hart und beweisen sich als ausgesprochen sichere Autofahrer.
Zu ihren negativen Eigenschaften gehört, dass sie oft angespannt und konservativ sein sollen.
Interessanterweise beschreibt dies ziemlich genau das Bild, das viele Europäer vom „typischen“ Japaner haben. Ebenso verblüffend: Die Blutgruppe A ist mit fast 40%, tatsächlich die in Japan am weitesten verbreitete Variante.

Blutgruppe 0

Trägern der Blutgruppe 0 wird laut den japanischen Blutgruppen-Eigenschaften nachgesagt, dass sie zielstrebige Führungspersönlichkeiten, stets auf das große Ganze fokussiert und besonders gut im Umgang mit Problemen sein. Da sie neben weiteren Eigenschaften auch als Romantiker gelten, werden 0 Männer, trotz angeblich stark ausgeprägter Eifersucht, oft als perfekte Beschützer und Partner für A Frauen angesehen. Im heutigen Japan ist 0 mit ungefähr 30%, die am zweithäufigsten vertretene Blutgruppe.

Blutgruppe B

An dritter Stelle folgt die Blutgruppe B mit einem Anteil von etwas mehr als 20% an der japanischen Gesamtbevölkerung. Über Menschen dieser Blutgruppe heißt es beispielsweise, dass sie optimistisch, anderen gegenüber offen und pragmatisch eingestellte Querdenker sind. Auf der anderen Seite sollen sie jedoch auch sehr unbekümmert bis leichtsinnig sein, stark nach eigenen Regeln leben und wenig auf die Gefühle ihrer Mitmenschen Rücksicht nehmen. Mit anderen Worten: In einer auf Harmonie ausgerichteten Gesellschaft können Vertreter der Blutgruppe B durchaus für Konflikte sorgen.

Blutgruppe AB

Mit weniger als 10% besitzt die Blutgruppe AB die geringste Verbreitung in Japan. Ihre Träger sind laut dem japanischen Blutgruppen-Konzept u.a.: Unkonventionell, besitzen eine hohe Spiritualität und ausgeprägte Kreativität. AB Menschen gelten zudem als sehr sensibel. Es verwundert wenig, dass diese Blutgruppe besonders häufig unter Künstlern vertreten sein soll. Allerdings gelten Menschen dieser Blutgruppe auch als schwierige Persönlichkeiten, die oft schwer einzuschätzen sind.

Der Einfluss von Blutgruppen auf den Charakter – Bewiesen oder völliger Unsinn?

Japanisches Blutgruppen-Horoskop

Blutgruppen bestimmen menschliches Verhalten? Alles Hokuspokus - oder?
Immerhin existieren Studien, die Auswirkungen der Blutgruppe auf die Gesundheit des Menschen beweisen. So leiden Menschen mit der Blutgruppe 0 statistisch seltener an Herzkrankheiten. Auch sollen Träger des 0 Typ eine höhere Chance haben, eine schwere Malaria zu überleben. Bei Choleraerkrankungen scheinen hingegen die anderen Blutgruppen im Vorteil zu sein.
Wie aber sieht es mit den jeweiligen, den Blutgruppen nachgesagten, Charaktereigenschaften aus? Es klingt weit hergeholt, aber Menschen mit der Blutgruppe 0 sollen laut dem japanischen Blutgruppen-Horoskop die perfekten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere als Baseballspieler besitzen. Tatsächlich können überdurchschnittlich viele der international erfolgreichen japanischen Spieler genau diesem Typus zugerechnet werden.
Ebenfalls interessant: Im 23 Mann-starken Aufgebot der japanischen Fußballnationalmannschaft zur Weltmeisterschaft 2014 befanden sich nur drei Spieler, die, der als eigensinnig und unangepasst geltenden, Blutgruppe B angehörten. Das liegt deutlich unter ihrem prozentualen Anteil an der Gesamtbevölkerung. Zufall? Oder eignen sich Spieler der anderen Blutgruppen einfach besser für diese Sportart, bei der es ganz besonders auf Harmonie und gute Zusammenarbeit ankommt?
Wissenschaftlich belegbar ist von all dem nichts. Mediziner in Japan und anderen Ländern reagieren mittlerweile genervt auf die Frage nach der Beweisbarkeit und werden nicht müde zu betonen, dass es sich beim Blutgruppen-Horoskop um eine reine Pseudowissenschaft handelt, die in keinem Zusammenhang zu menschlichen Verhaltensweisen steht.
Dennoch: Je mehr man sich mit dem japanischen Blutgruppen-Horoskop beschäftigt, desto eher ertappt man sich dabei, auch im persönlichen Umfeld Bestätigung für dessen Thesen zu finden. Der Grund hierfür liegt allerdings darin, dass man ganz unbewusst stärker nach Übereinstimmungen sucht. So konzentriert man sich besonders auf die zutreffenden Eigenschaften der jeweiligen Blutgruppe, während man die vielen nicht zutreffenden Aussagen leicht ignoriert. Ganz ähnlich wie bei einem Sternzeichen-Horoskop, welches, sofern man nur will, ebenfalls immer so auslegbar ist, dass es auf die individuelle Situation zuzutreffen scheint.

Bura-Hara!? Sind Japaner blutgruppenverrückt?

Bura-Hara - Blutgruppen-Diskrimination

Das japanische Blutgruppen-Horoskop ist dennoch mehr als bloße Esoterik. Es ist auch ein Verkaufsargument. Neben unzähligen Ratgebern über Blutgruppen und ihre Eigenschaften, existiert eine ganze Palette weiterer Produkte, die sich speziell an die Träger eines bestimmten Bluttyps richten. Angefangen von der auch im Westen bekannten Blutgruppen-Diät, über Partnervermittlungen, Handtücher, Badezusätze, bis hin zu speziellen Kondomen für A, B, 0 und AB Menschen, gibt es fast kein Gebiet auf dem sich nicht Blutgruppen spezifische Produkte bewerben lassen. Heißt dies nun, dass alle Käufer eines AB Badezusatzes uneingeschränkt an dessen Wirkung glauben oder könnte schlicht der Reiz etwas Neues auszuprobieren, die Kaufentscheidung beeinflussen?
Eine Hochphase erlebte der Hype um das japanische Blutgruppen-Horoskop im Jahr 2008, als gleich vier Bücher eines anonymen Autors zum Thema Ketsueki Gata die Top-Ten der japanischen Bestsellerlisten stürmten. Unter dem Titel „Die eigene Gebrauchsanweisung“ (自分の説明書) veröffentlichte der Bungeisha-Verlag (文芸社) für jede Blutgruppe ein Ratgeberbuch, dessen Ziel es sein sollte, aufzuzeigen wie man das Beste aus den jeweiligen Blutgruppen-Eigenschaften macht. Während die Bücher keinesfalls die Meinung vertraten, dass die Zugehörigkeit zu einer Blutgruppe endgültig über den Charakter eines Menschen bestimmt, nahmen viele westliche Medien den Erfolg zum Anlass, ausführlich über die angebliche Blutgruppen-Versessenheit der Japaner zu berichten. Manche berichteten gar über alarmierende Auswüchse des Blutgruppen-Trends. So titelte beispielsweise die Wirtschaftswoche reißerisch:„Japan: Blut als Karrierekiller“.
Angeblich hatte der Glaube an die japanische Blutgruppen-Eigenschaften auch in den Personalabteilungen vieler Firmen Einzug gehalten. Ansonsten hervorragend geeignete Bewerber sollen allein aufgrund der falschen Blutgruppe abgelehnt worden sein. Andere Medien berichteten von Fällen in Kindergärten, bei denen Kinder eines bestimmten Blut-Typus von anderen gemobbt und von Beziehungen, die aufgrund nicht vereinbarer Blutgruppen beendet wurden (http://www.theguardian.com/world/2008/dec/04/japan-world-news). Besonders betroffen sind demnach meist Träger der, angeblich häufig egoistisch handelnden, Blutgruppe B. Mit „Bura-Hara“ (ブラハラ), der japanischen Abkürzung für Blood Harassment (Blut-Diskriminierung), sollte sogar schon eine neue Bezeichnung für dieses Verhalten geprägt worden sein. Tatsächlich ist dieser Ausdruck jedoch gar nicht so stark verbreitet wie das westliche Medieninteresse zu suggerieren scheint. Geläufiger ist eher die formellere Bezeichnung Ketsueki Gata Sabetsu (血液型差別). Anzunehmen, dass es sich um ein wirklich großes gesellschaftliches Problem handelt, scheint nach heutigem Stand ebenfalls etwas weit hergeholt. Auch wenn es gelegentlich Fälle von Diskriminierung geben mag, ist der großen Mehrheit der Japaner durchaus bewusst, dass die Blutgruppe in letzter Instanz nicht entscheidend für das Verhalten eines Menschen ist.

Warum man in Japan trotzdem die eigene Blutgruppe kennen sollte

Gerade weil man in Japan weiß, dass die den Blutgruppen zugesprochenen Eigenschaften nicht auf jeden Menschen zutreffen, bieten sie einen unverfänglichen Anknüpfungspunkt um miteinander ins Gespräch zu kommen. Und letztlich besitzt nach dem japanischen Blutgruppen-Horoskop, jede Gruppe genug positive Eigenschaften, um über den Gesprächspartner etwas Nettes sagen zu können.
Wer sich diese Gelegenheit, in einem Land in dem 90% aller Menschen ihre Blutgruppe kennen, nicht entgehen lassen möchte, sollte vor dem nächsten Japanaufenthalt schnell noch einmal bei seinem Arzt vorbeischauen, oder sich zum Blutspenden anmelden - denn in einem Blutspenderausweis ist auch in Deutschland immer die eigene Blutgruppe vermerkt.

 

Bonus Wissen: Der Ursprung der japanischen Blutgruppen-Eigenschaften

Nach der Entdeckung der verschiedenen Blutgruppen (A, B, AB, und 0) durch den Österreicher Karl Landsteiner 1900 widmeten sich auch viele ehrgeizige japanische Mediziner der weitern Erforschung.
In einem 1916 veröffentlichten Text behauptete der japanische Arzt Kimata Hara (原来復) erstmals eine Verbindung zwischen Blutgruppen und bestimmten Charaktereigenschaften bei Menschen festgestellt zu haben. Weiteren Auftrieb erhielt diese, letztlich nicht belegbare, Theorie Ende der 1920er Jahre durch die Arbeiten des Psychologen Takeji Furukawa (古川竹二). Ähnlich wie im damaligen Nazi-Deutschland, versuchte Furukawa angebliche Charaktereigenschaften von Volksgruppen mit dem Verweis auf deren physische Anlagen (in diesem Fall Blutgruppen) zu erklären. Mit dem Ende des Krieges geriet auch die ideologisch geprägte Erforschung der Blutgruppen-Eigenschaften in Vergessenheit.
Der Beginn des modernen Blutgruppen-Horoskops geht auf eine Veröffentlichung des japanischen Journalisten Masahiko Nomi (能見正比古) 1971 zurück. Sein Bestseller „Zuneigung auf Grund der Blutgruppe erkennen“ (血液型で分かる相性) griff zwar einige Aspekte von Furukawas Theorien auf, diente jedoch dem rein privaten Interessen seiner Leser, einen charakterlich möglichst passenden Partner zu finden. Obwohl er keinerlei medizinische Ausbildung besaß, verstand es Nomi, das einmal erweckte Interesse durch immer neue Veröffentlichungen und Medienauftritte weiter zu nähren. Dieses überaus erfolgreiche Geschäftsmodel wird seit dessen Tod von seinem Sohn Toshitaka und vielen anderen Autoren weiter ausgebaut.

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