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Japanische Sonnenschirme – praktisches Accessoire im kulturellen Kontext

Ein japanischer Schirm unterscheidet sich schon rein optisch von seinen westlichen Pendants. Doch die historische Bedeutung japanischer Sonnenschirme und ihrer wasserfesten Verwandten ist nicht zu unterschätzen. Kein Wunder, dass ein japanischer Regenschirm auch ganz anders behandelt wird als hierzulande. Doch woher kommt die Liebe der Japaner zu ihren Schirmen, die in der Landessprache als Wagasa bezeichnet werden?

Ist ein japanischer Schirm automatisch ein Wagasa?

Viele Menschen kennen den Begriff Wagasa und wissen, dass man damit einen traditionellen Schirm meint. Dabei handelt es sich jedoch nur um einen Oberbegriff, der vor allem seit der Einführung westlicher Schirmmodelle moderner Bauart zur besseren Abgrenzung verwendet wird. Es gibt vier generelle Untergruppen des Wagasa:

  • ban-gasa, ein stabiler Alltagsschirm einfacher Bauart
  • janome-gasa, das sogenannte Schlangenauge
  • nodate-gasa, der typische rote Schirm für Teezeremonien
  • buyo-gasa, gemacht für den Tanz, aus leichtem Papier oder Seide gefertigt

Japanischer Regenschirm als Retter in der Not

Als Wagasa bezeichnet man die typischen japanischen Schirme aus Bambus und Papier.
Als Wagasa bezeichnet man die typischen japanischen Schirme aus Bambus und Papier. - Bild: © mtaira - fotolia.com

Die traditionelle Bauform geht auf chinesische Einflüsse zurück, wenngleich die Entwicklung in Japan später eine andere war, vor allem, was den Mechanismus zum Zusammenfalten betrifft. Schon früh merkten die Japaner, dass Schutz vor Sonne und Regen gleichermaßen wichtig war; dies galt natürlich besonders in den Regionen, die von ausgeprägten Regenzeiten betroffen sind. Hier kann binnen kürzester Zeit so viel Wasser vom Himmel fallen, dass ein japanischer Regenschirm zum echten Retter in der Not werden kann. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Gleichgültig, ob traditioneller Wagasa oder moderner westlicher Schirm; in Japan ist die Schirmkultur viel ausgeprägter als in Europa. So findet man im Alltag viele Hilfen, die den Umgang mit dem manchmal doch recht sperrigen Utensil erleichtern. In Deutschland muss man schon Glück haben, überhaupt noch irgendwo einen Schirmständer zu finden. In Japan gibt es in Kaufhäusern und vielen anderen Geschäften und öffentlichen Orten ausgefeilte Schirm-Parkplätze, die mit Schlössern gesichert werden können. Denn selbstverständlich muss ein wertvoller Wagasa entsprechend vor Diebstahl geschützt werden. Auch Plastik-Überzieher für den nassen Schirm sind in Kaufhäusern verbreitet.

Japanische Sonnenschirme im Wandel der Zeiten

In Japan gibt es längst nicht mehr nur die traditionellen Schirme aus Bambus und Papier. Mittlerweile haben sich auch westliche Modelle durchgesetzt.
In Japan gibt es längst nicht mehr nur die traditionellen Schirme aus Bambus und Papier. Mittlerweile haben sich auch westliche Modelle durchgesetzt. - Bild: © one - fotolia.com

Etwa während der Heian-Zeit zwischen 794 und 1185 fanden die ersten Vorgänger des Wagasa ihren Weg von China nach Japan. Damals verstand man unter einem Regenschutz aber noch einen einfachen Strohhut, dessen Form als japanischer Schirm später wieder aufgegriffen wurde. Die ersten echten Schirme waren zu Beginn Adligen und Samurai vorbehalten, doch schon bald wollte auch die normale Bevölkerung nicht auf einen wirksamen Regenschutz verzichten. Da japanische Sonnenschirme schon immer auch formschön waren, wurden sie abseits ihrer eigentlichen Funktion rasch zum beliebten Accessoire. Etwas unpraktisch waren japanische Schirme zu Beginn deswegen, weil sie sich noch nicht falten ließen. Erst im 16. Jahrhundert erfand man den Faltmechanismus, was die Praktikabilität im Alltag stark verbesserte.

Der ursprüngliche Mechanismus unterscheidet sich dabei gar nicht so sehr von unseren modernen Schirmen. Ein japanischer Schirm kann allerdings so stark gefaltet werden, dass das Material der Bespannung optisch komplett verschwindet und nur die Bambus-Streben zu sehen sind. Gute Wagasa kommen auf bis zu 70 Stäbe, die von dem Handwerksmeister auf geschickte Weise aus einem einzelnen Bambusrohr geschnitten werden. Dadurch liegen sie im gefalteten Zustand fast perfekt zusammen und erwecken den Eindruck eines geschlossenen Rohrs. Der Unterschied wird deutlich, wenn man einen im Westen üblichen Schirm gegenüberstellt, wo wesentlich weniger Streben verwendet werden und die Bespannung lose am Griff anliegt.

Ein Regenschirm aus Papier?

Bei Geishas war der Schirm ein beliebtes Accessoire beim Tanzen vor Publikum. Meist waren diese Schirme besonders aufwendig gefertigt und verziert oder sogar aus Seide.
Bei Geishas war der Schirm ein beliebtes Accessoire beim Tanzen vor Publikum. Meist waren diese Schirme besonders aufwendig gefertigt und verziert oder sogar aus Seide. - Bild: © JonaSanpo - fotolia.com

Nicht jeder Wagasa eignet sich für Regenwetter, doch es gibt durchaus japanische Sonnenschirme, deren Papier einen leichten Regen durchaus verkraftet. Auch zum Schutz gegen leichte Schneefälle wurde der Schirm seit jeher eingesetzt, wie sich durch alte Zeichnungen und Gemälde belegen lässt, die eine entsprechende Verwendung des Wagasa zeigen. Hieraus entwickelten sich dann wohl auch die Unterschiede zwischen den reinen Mode-Accessoires, die auch im Theater Verwendung fanden und mit Vorliebe von Geishas getragen werden, und den Wagasa, die einen praktischen Nutzen besitzen. Die endgültige Form des Wagasa, wie wir sie heute kennen, entwickelte sich zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert, wobei es immer wieder Verbesserungen und Änderungen im Design gab. Japanische Sonnenschirme sind derart populär, dass sie auch in anderer Form Beachtung finden. Es ist daher nicht außergewöhnlich, Motive mit Schirmen auf Keramik und Textilien zu sehen.

Moderne Zeiten ändern auch japanische Vorlieben

Obwohl viele Japaner traditionell ihren Wagasa nicht missen möchten, hat die Öffnung gen Westen ab der Meiji-Zeit auch hier Modernisierungen aus dem Ausland gebracht. Wenngleich handwerklich und künstlerisch sicherlich nicht mit dem Wagasa zu vergleichen, konnte man den westlichen Schirmen eine robuste Unempfindlichkeit sicherlich nicht absprechen. Dies kann man auch am Straßenbild ablesen, wenn man an einem Regentag in einer großen japanischen Stadt einen Blick auf japanische Schirme wirft. Man wird feststellen, dass der klassische Wagasa nur noch selten verwendet wird, während die westlichen Schirme im Alltag immer mehr an Bedeutung gewinnen und den klassischen japanischen Schirm in Privathaushalten zum reinen Dekorationsobjekt degradieren. Obwohl auch heute noch der Wagasa als modisches Utensil geachtet und verwendet wird und vor allem japanische Sonnenschirme bei Teezeremonien und anderen Gelegenheiten im Freien zum Einsatz kommen sowie im Theater gar nicht wegzudenken sind, ist die Zahl der traditionellen Manufakturen extrem geschrumpft. Heute gibt es nur noch fünf offiziell von der Regierung zertifizierte Werkstätten, in denen authentische Wagasa nicht-industriell hergestellt werden. Man findet diese Werkstätten in den Präfekturen von Gifu und Kyoto. Ungeachtet der sinkenden Nachfrage in den letzten Jahrzehnten sind diese Handwerksmeister extrem hoch angesehen und haben eine gehobene gesellschaftliche Stellung.

Wie wird ein Wagasa hergestellt?

Ein echt japanischer Wagasa besteht aus 17 bis 70 Bambusrippen, die mit Papier bespannt sind. Nicht selten verbindet ein gleichmäßiges Geflecht aus bunten Fäden die einzelnen Streben.
Ein echt japanischer Wagasa besteht aus 17 bis 70 Bambusrippen, die mit Papier bespannt sind. Nicht selten verbindet ein gleichmäßiges Geflecht aus bunten Fäden die einzelnen Streben. - Bild: © leungchopan - fotolia.com

Ob mit Papier oder Seide bespannt, ein japanischer Schirm besteht als traditioneller Wagasa stets aus Bambus. Ein echter, authentischer Wagasa ist vermutlich das Höchste der Gefühle, wenn es um den Besitz eines Schirmes geht. Dabei stellt jeder neue Schirm eine Herausforderung für den Handwerker dar. Eigentlich fängt es schon damit an, dass es nicht ein einzelner Handwerker ist, der mit seiner künstlerischen Fingerfertigkeit einen Wagasa baut. Bis japanische Sonnenschirme dieser Güte fertiggestellt sind, durchlaufen sie die Hände diverser Fachmänner, die ihre Arbeit ebenso wie die ihrer Kollegen stets kritisch begutachten. Das Ergebnis muss am Ende perfekt sein. Kein Wunder also, dass an manchen Schirmen bis zu zehn verschiedene Handwerker arbeiten. Dies beginnt mit der Bambusbearbeitung, geht über die Holzbearbeitung bis hin zum Papierhandwerker, der für die Bespannung zuständig ist. Letzte Feinarbeiten werden dann von anderen Spezialisten vorgenommen. Jeder dieser Spezialisten bereitet sein jeweiliges Arbeitsmaterial sorgfältig vor. Dies ist vor allem für die Wahl des Bambus-Stammes wichtig, aus dem die Streben geschnitten werden.

Schon das ist eine Kunstform für sich und nimmt mit sämtlichen Vorarbeiten die meiste Zeit in Anspruch. Wird ein besonders hochwertiges Papier für die Bespannung verlangt, kommt der Prozess der Handschöpfung hinzu, wie es etwa beim Kozo-Washi Japanpapier der Fall ist. Solches Papier ist deutlich belastbarer als herkömmliche Papiersorten, weil es über längere und robustere Fasern verfügt. Seidenschirme müssen hingegen vor der Bespannung bemalt bzw. eingefärbt werden. Nach jedem Arbeitsschritt folgen ausgedehnte Trockenphasen. Streben und Griff werden aus optischen Gründen und zum Schutz vor Witterungseinflüssen mit natürlichen Farben und Lacken bearbeitet. Danach müssen japanische Sonnenschirme manchmal wochenlang durchtrocknen, bis sie schließlich durch die Anbringung von Mustern aus bunten Fäden und der Verschlussteile vollendet werden können.

Trends bei japanischen Schirmen

Ein Trend beim japanischen Regenschirm und beim Wagasa geht in Richtung von speziellen Motiven, die nur bei Regen erscheinen.
Ein Trend beim japanischen Regenschirm und beim Wagasa geht in Richtung von speziellen Motiven, die nur bei Regen erscheinen. - Bild: © Mariusz Prusaczyk - fotolia.com

Neben den traditionellen Wagasa gibt es auch bei japanischen Schirmen immer wieder Trends, die kommen und gehen. So sind bei industriell gefertigten Modellen auch moderne Designs zu sehen, was aber nicht immer die Zustimmung traditioneller Kunden findet. Besonders angesagt sind Kombinationen, die die Vorteile des westlichen Schirms mit den Traditionen Japans verbinden. Wer es beispielsweise etwas ausgefallen mag, für den kann ein robuster Samurai-Regenschirm interessant sein. Diese Schirme sind in ihrer Machart den normalen westlichen Schirmen nicht unähnlich und entsprechend robust gegenüber Wind und Regen. Sie eignen sich weniger als Sonnenschirm. Zum Hingucker wird ein solcher Samurai-Regenschirm aber vor allem durch sein Design im zusammengefalteten Zustand. Der Griff gleicht dem eines Samuraischwerts, dem klassischen Katana. Wird der Schirm in seine Hülle gesteckt und dann auch noch mittels des eigens angebrachten Schultergurts auf dem Rücken getragen, entsteht der Eindruck, dass man tatsächlich ein Samuraischwert umgeschnallt hat. Dies kann gegebenenfalls zu Diskussionen mit besorgten Polizisten führen, aber der Blick der Leute beim Entfalten des Schirms ist einfach nicht zu toppen. Zudem ist es eine praktische Art, den Schirm zu transportieren, wenn er gerade nicht benötigt wird.

Mittlerweile gibt es auch Regenschirme, deren Design sich an die traditionellen Wagasa anlehnt, deren Muster aber erst erscheint, wenn sie nass werden. Sobald der Schirm trocknet, verblasst das Muster wieder. Dieser Regenschirm-Trend ist noch vergleichsweise jung, findet aber in Japan und der Welt immer mehr Verbreitung.

Ob traditioneller Wagasa, modernes westliches Modell oder Samurai-Regenschirm; die japanische Handwerkskunst hat dieses eigentlich einfache Utensil zur Perfektion gebracht, die neben einer alltäglichen Gebrauchsfertigkeit auch zum Ausdruck künstlerischer Freiheit in Theater und bei Zeremonien geworden ist. Aus dem japanischen Leben werden Wagasa also auch künftig nicht wegzudenken sein, wenngleich die Zahl der authentischen Werkstätten sehr überschaubar geworden ist.

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