Omotenashi – Die Philosophie der Gastfreundschaft in Japan
Omotenashi – spätestens seit der Bewerbung zu den olympischen Spielen im Jahr 2013 ist dieser Begriff, der die spezielle japanische Form der Gastfreundschaft ausdrückt, auch weltweit bekannt. Aber was macht Omotenashi eigentlich aus und worin liegen die Unterschiede zur westlichen Gastfreundschaft?
Diese Fragen und vieles mehr klären wir in unserem Beitrag, in dem wir auch auf die besondere Wortbedeutung und die historischen Wurzeln von Omotenashi eingehen. Außerdem geben wir Einblicke, wo und wie man Omotenashi im japanischen Alltag begegnet und welchen Einfluss dieses auch auf die japanische Sprache hat. Zuletzt geben wir natürlich auch nützliche Japanwelt-Tipps für Reisende, wo man in Japan Omotenashi besonders wirkungsvoll und authentisch erleben kann und wie man selber auf die erwiesene Gastfreundschaft reagieren sollte.
Was bedeutet Omotenashi?
Der japanische Begriff Omotenashi (お持て成し) ist schwierig richtig zu übersetzen. Im Allgemeinen wird dies mit dem deutschen Begriff „Gastfreundschaft“ versucht, allerdings umfasst Omotenashi mehr und beinhaltet Ideen und Ideale der japanischen Kultur, die doch deutlich über das gewöhnliche Konzept der „Gastfreundschaft“ hinausgeht.
Das Wort kann dabei mit Kanji auf zwei unterschiedliche Weisen geschrieben werden. Eine Schreibweise nutzt die Kanji für besitzen (持つ motsu) und erreichen (成る naru) mit dem vorangestellten Honor-Präfix „O“ (sinnhaft: etwas erreichen, indem man etwas für andere tut).
Die zweite Lesweise wäre „Omoteuranashi“ und setzt sich dann aus den Kanji 表裏なしzusammen, die soviel bedeuten wie „etwas, das keine Vorder- oder Rückseite hat“. Damit soll ausgedrückt werden, dass nichts verborgen bleibt und das für die angebotene Gastfreundschaft und den erwiesenen Respekt keine Gegenleistung erwartet wird.
Dieses kulturelle Konzept der selbstlos erwiesenen Gastfreundschaft, bei der sich Gast und Gastgeber in gegenseitigem Respekt begegnen ist auch der wesentliche Grund, weshalb es in Japan kein Trinkgeldsystem gibt und das Geben eines solchen sogar als Affront aufgefasst werden kann.
Der Unterschied zur „Gastfreundschaft“ ist durchaus vielfältig. Im Omotenashi drücken sich Transparenz und Aufrichtigkeit ebenso aus wie Selbstlosigkeit und der gegenseitige Respekt von Gast und Gastgeber. Typische Gesten des Omotenashi sind dabei oft sehr subtil und zielen durch kleine Aufmerksamkeiten darauf ab, dem Gast einen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und dessen Wünsche idealerweise zu erfüllen, bevor dieser diese auch nur äußern könnte.
Weltweit bekannt wurde der Begriff Omotenashi, der in Japan auch gern verkürzt in Form von Motenashi (Bewirtung) verwendet wird, durch die Olympia-Bewerbung im Jahr 2013 bekannt. Die Japaner selber, denen die mit Omotenashi verbundenen Verhaltensweisen als ein Aspekt ihrer Kultur beinahe schon im Blut liegen, verbinden mit dem Begriff Omotenashi Umfragen zu Folge zu rund 80% vor allem die Idee der „Selbstlosigkeit“.

- Omotenashi zeigt sich in Japan oft in kleinen, aufmerksamen Gesten des Alltags. Selbst beim Einkauf wird Gastfreundschaft nicht nur als Service verstanden, sondern als Ausdruck von Respekt und Wertschätzung. Foto © mapo_japan
Wo liegen die historischen Wurzeln von Omotenashi?
Die historischen Wurzeln von Omotenashi genau bis zu ihren Anfängen zurückzuverfolgen, ist selbstverständlich kaum möglich. So besteht eine populäre Meinung darin, dass der in der 17-Artikel-Verfassung (Shōtoku Taishi) aus dem Jahr 604 verwendete Begriff Mottenasu (以て成す) eng mit dem späteren Omotenashi verwandt sei, wenn dieser sich auch eher auf Harmonie und Respekt bezieht.
Deutlich gesicherter scheinen die Ursprünge von Omotenashi in die Heian-Zeit (794–1185) und die aus dieser Periode überlieferten Erwähnungen von höfischer Gastfreundschaft zu liegen.
Seine wirkliche Gestalt nimmt die Idee des Omotenashi aber erst durch die vom legendären Teemeister Sen no Rikyū (1522–1591) entwickelte Form der japanischen Teezeremonie (Chadō) an. Hier finden sich schon wichtige – natürlich idealisierte – Aspekte und Umgangsformen, wie wir sie auch in der Idee des Omotenashi wiederfinden.
Zu diesen gehören die Idee des Ichi-go ichi-e (一期一会), was man in etwa als "Einmalige Begegnung, einzigartiger Moment" übersetzen kann, also die einmalige Natur eines Momentes zu genießen. Aber auch die sieben von Sen no Rikyū aufgestellten Regeln für die japanische Teezeremonie - Einfachheit, Stille, Respekt, Reinheit, Natürlichkeit, Gelassenheit und Harmonie – spielen alle eine wichtige Rolle im Omotenashi.
Wie zeigt sich Omotenashi im japanischen Alltag?
Omotenashi zeigt sich an vielen Stellen im japanischen Alltag. Das fängt schon bei den so beliebten Konbini (Convenience Stores) und Supermärkten an.
Konbini setzen so beispielsweise auf eins standardisiertes Servicesystem und viele Unternehmen nutzen Schulungen, um ihrem Personal die jeweils gewünschten Umgangsformen und Verhaltensregeln beizubringen. Eine typische Serviceleistung in einem Konbini ist beispielsweise das Bereitstellen von getrennten Tüten für warme bzw. erhitzte Speisen und Kaltgetränke oder Eis.
Supermärkte bieten ganz ähnlich oft kleine Serviceleistungen an, die man nicht bezahlen muss. Dazu gehören typischerweise auch Eisbeutel, die man gratis zu gekaufter Kühlware, Fisch oder Fleisch bekommt. Zudem legen Supermärkte in Japan besonderen Wert auf ein sauberes Sortieren der Ware, damit sich die Kunden wohlfühlen.
Ein anderes gutes Beispiel für Omotenashi im Alltag sind Taxis. In Japan verfügen diese nicht nur schon seit den 1960er Jahren über automatische Türen, sondern es ist auch üblich, dass man vom Fahrer mit einer Verbeugung begrüßt wird.
In Restaurants wiederum, in denen Omotenashi naturgemäß eine besondere Bedeutung hat, wird dieses u.a. durch die Oshibori-Handtücher (kleine, feuchte und manchmal erhitzte Handtücher, mit denen man sich Hände und Gesicht reinigt) deutlich. In mehr als 90% der Restaurants in Japan liegen die Tücher als Service für ihre Gäste bereit.
Auch in der für Japan so typischen saisonalen Präsentation von Speisen drückt sich Omotenashi und das oben angesprochene Ichi-go ichi-e aus.
Die aber bei weitem am häufigsten im japanischen Alltag anzutreffende Form des Omotenashi ist die Verwendung der typischen Höflichkeitsformeln „Irasshaimase“ und „Arigatō gozaimasu“, die bei jeder passenden Gelegenheit angebracht werden und auch für Touristen zum Grundrepertoire der japanischen Phrasen zählen sollten.
Omotenashi in Ryokan und traditioneller Gastronomie
Besonders ernst genommen wird das Konzept von Omotenashi in Japan typischerweise in den Ryokan, traditionellen japanischen Herbergen und in der traditionellen, meist gehobenen, Gastronomie.
In den Ryokan äußert sich Omotenashi auf vielfältige Art. Das beginnt schon mit den meist bereitgestellten Yukata sowie den gepflegten, traditionellen Tatami-Räumen mit subtilen Details wie Blumenarrangements, Kalligraphie und ähnlichem.
Der Hintergrund dabei ist immer, dem Gast den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und dazu gehören natürlich auch dezent aber schön hergerichtete Räumlichkeiten. Hinzu kommen eine persönliche Betreuung, die den Gast wirklich ankommen lässt - oft mit Abendessen im Kaiseki-Ryori Stil, das einen saisonalen wie oft auch regionalen Bezug hat.
Überhaupt ist die wie das Omotenashi aus der japanischen Teezeremonie nach Sen no Rikyū hervorgegangene Kaiseki-Küche ein Erlebnis, bei dem Omotenashi besonders wichtig ist und ernst genommen wird.
Außer in Ryokan kann man diese japanische Haute Cuisine mit ihrer teils extremen Saisonalität, bei der die Gerichte und Zutaten alle drei Monte wechseln, und besonders kunstvollen Präsentation der Speisen auch in spezialisierten Restaurants genießen. Meist umfasst ein solches Kaiseki-Dinner in einem Restaurant oder Ryokan zwischen 8 und 12 Gängen, kann aber auch noch umfangreicher sein.
Ein ganz besonderes Erlebnis und einer der Ursprünge von Omotenashi ist die japanische Teezeremonie - sozusagen Omotenashi in Reinform. In Japan kann man an einer solchen Teezeremonie an vielen Orten teilnehmen, unter anderem in Kulturzentren, traditionellen Teehäusern oder auch in vielen Ryokan, die eine solche Teezeremonie als kulturelles Extra für ihre Gäste anbieten.
Omotenashi in der japanischen Sprache und Kommunikation
In der japanischen Sprache drückt sich Omotenashi durch die Verwendung der Keigo (敬語) genannten Höflichkeitssprache aus, die sehr viel komplexer ist, als der im Deutschen genutzte Unterschied zwischen „du“ und „sie“.
Keigo unterteilt sich dabei wiederum in 3 Hauptformen: Sonkeigo (drückt Respekt gegenüber dem Gesprächspartner oder Dritten aus), Kenjōgo ( „bescheidene Sprache“, wenn über sich selbst gesprochen wird) und Teineigo (Gespräch ohne hierarchische Beziehung beispielsweise mit Kollegen oder Bekannten).
Kommunikation dient so in Japan neben der Informationsvermittlung nicht selten auch dem Ausdruck von (gegenseitigem) Respekt. So gibt es in der japanischen Sprache auch 20 Varianten, um Danke zu sagen, die jeweils für unterschiedliche Situationen und Beziehungsgeflechte gedacht sind.
Der Standard in japanischen Geschäften, bei denen ausgeprägte Höflichkeit ein integraler Bestandteil der Servicekultur ist, besteht in der Begrüßung mit der Höflichkeitsformel „Irasshaimase“, was wörtlich übersetzt so viel wie „bitte kommen Sie“ bedeutet. Eine hingegen kaum ins Deutsche übersetzbare sprachliche Geste ist der Begriff Otsukaresama. Dieser drückt den Respekt für Geleistetes aus.
Unterschiede zwischen Omotenashi und westlicher Gastfreundschaft
Im Gegensatz zur westlichen Gastfreundschaft, die oft nach dem Prinzip der „Kunde ist König“ funktioniert und ein klares hierarchisches Verhältnis ausdrückt, setzt Omotenashi in Japan auf den Ausdruck von gegenseitigem Respekt auf Augenhöhe zwischen Gast und Gastgeber.
Wichtig ist dabei in Japan der Gedanke, das Service ganz ohne Erwartung von Gegenleistungen geboten wird, weshalb es in Japan auch keine Trinkgeldkultur gibt. Ebenso typisch für die japanische Gastfreundschaft sind stille, oft gar unbemerkte Gesten, mit denen man versucht, dem Gast das bestmögliche Erlebnis zu bieten.
Ein praktisches Beispiel, bei dem sich die Prinzipien des Omotenashi gut beobachten lassen, ist das vor allem in Sushi-Restaurants und Izakaya verbreitete Omakase (お任せ). Hierbei bestimmt der Koch oder Sushi-Chef die Reihenfolge und Art der Speisen stimmt diese und im Verlauf auch oft auf den Geschmack der Gäste ab.
Man legt seine Essenserfahrung also sozusagen vertrauensvoll in die Hände des Koches, während dieser wiederum darum bemüht ist, den spezifischen Gästen Speisen zu servieren, von denen dieser glaubt, dass sie ihnen besonders gut schmecken werden.
Welche Rolle spielt Omotenashi im modernen Japan?
Omotenashi ist spätestens seit der Rede von Christel Takigawa zur Olympia-Bewerbung 2013 weltweit bekannt und Teil der Brand „Japan“. Das zeigt sich auch durch die Anwendung von Omotenashi neben Hotellerie und Gastronomie bei den japanischen Airlines ANA und JAL, die den Begriff ganz dezidiert in ihrer Werbung benutzen.
Dasselbe gilt für das Tourismusmarketing und sogar für die Automobilbranche, in der beispielsweise Lexus das Kundenerlebnis als “Omotenashi-Design“ bezeichnet, was immerhin durch die Unternehmensphilosophie bei Lexus (und Toyota z.B.) unterstützt wird.
Mit der fortschreitenden Digitalisierung kommen in Japan vor allem in den Metropolen Tokyo und Osaka auch vermehrt Service-Roboter in Hotels zum Einsatz, die bspw. den Check-In übernehmen. Natürlich werden auch diese Roboter im Sinne des Omotenashi programmiert und bringen so sozusagen eine neue Dimension dieser speziellen Form der japanischen Gastfreundschaft zu tragen.
Kritik und Herausforderungen von Omotenashi
Omotenashi wird in Japan aber nicht nur positiv gesehen. So besteht beispielsweise ein hoher gesellschaftlicher Druck und eine enorme Anspruchshaltung gegenüber Servicekräften.
Die Mitarbeiter sind zu allem Überfluss in der Regel auch noch heillos überarbeitet und schieben nicht selten viele Überstunden, so dass Wochen mit mehr als 60 Arbeitsstunden keine Seltenheit sind. So verwundert es auch kaum, das Japan eine der höchsten Burn-Out Raten im Servicebereich aufweist.
Eine andere Herausforderung besteht im inzwischen sehr hohen Tourismusdruck mit seit 2019 ca. 30 Millionen Besuchern pro Jahr, die ihre Erwartungshaltungen und ihr oft stereotypisches Verständnis von Omotenashi an die Service-Kräfte herantragen. Dabei wird inzwischen selbst in Japan diskutiert, inwieweit ein authentisches Omotenashi mit dem Massentourismus in Einklang zu bringen ist und ab wann die Authentizität dieser japanischen Gastfreundschaft verloren zu gehen droht.
- Für eine besonders authentische Erfahrung von Omotenashi lohnt es sich für Reisende unbedingt, mindestens eine Übernachtung in einem traditionellen Ryokan zu buchen. Die Übernachtungspreise pro Person inklusive Dinner (oft ein Kaiseki-Menü) beträgt in etwa 150 Euro.
- Ein anderes besonderes Erlebnis von Omotenashi ist die Teilnahme an einer Teezeremonie (mehr dazu in unserem Beitrag „Japanische Teezeremonie"). Hier lernen Sie auch den kulturellen Ursprung von Omotenashi kennen. Die Teilnahme kostet je nach Ort und Anbieter meist zwischen 30 und 50 Euro, kann aber in besonders exklusiven Etablissements auch teurer sein.
- Wer sich ein kulinarisches Omotenashi-Erlebnis (und Highlight) gönnen will, der sollte sich bei einem Japanaufenthalt mindestens einmal den Genuss eines Kaiseki Ryori Menüs gönnen. Je nach Restaurant muss man dabei in etwa zwischen 80 und 200 Euro pro Person einplanen.
- Zuletzt kann man viele kleine Alltagsbeispiele von gelebtem Omotenashi in Japan erleben. Gute Beispiele sind Angestellte in den Shinkansen, die sich beim Betreten vor den Fahrgästen verneigen, die Fahrt in einem Taxi mit automatischen Türen oder der Einkauf in einem Konbini, bei dem einem heiße und kalte Waren getrennt eingepackt werden.
Wie man selbst respektvoll auf Omotenashi reagiert
Omotenashi setzt auf das Zusammenkommen auf Augenhöhe und den Ausdruck gegenseitigen Respekts. Daher empfiehlt es sich, einige kleine Gesten und Regeln zu beachten, um auch von sich aus die Wertschätzung des Gastgebers auszudrücken:
- Dankbarkeit zeigen: Freundlichkeit und ein Lächeln drücken die Wertschätzung gegenüber den kleinen Gesten des Omotenashi aus und werden in Japan sozusagen erwartet.
- Pünktlichkeit: In Hinsicht auf die Pünktlichkeit sind Japaner mindestens so genau wie die Deutschen und schon eine Verspätung von nur fünf Minuten wird oft als unhöflich wahrgenommen.
- Rücksicht nehmen: In Japan wird Rücksichtnahme hoch angesehen. Das umfasst zum Beispiel die Lautstärke von Gesprächen oder das Tragen von starkem Parfüm. Letzteres ist insbesondere beim Besuch einer Teezeremonie oder eines Sushi-Restaurants in Japan ein echter Faux-Pas.
- Wertschätzung ausdrücken: In Japan gilt das äußern von Anerkennung und das Ausstellen von positiven Reviews als höchste Form der Anerkennung und beides wird dankend zur Kenntnis genommen.
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